Femizid Nr. 22? Besteht in Österreich wirklich solcher Frauenhass?

Femizide-Österreich

Österreich sieht sich heute mit dem bereits 22. Mord einer Frau in diesem Jahr konfrontiert. Auf Twitter werden Begriffe wie Femizid und toxische Maskulinität umhergeworfen, da der Ex-Partner unter dringendem Tatverdacht steht. Da es sich dabei um einen Polizeibeamten handelt, kommt oftmals auch noch der Begriff Polizeigewalt ins Spiel.

Es wird also heute mal wieder Zeit für einen Artikel meiner Hingeschaut-Reihe, der mal wieder etwas anders ist. Ich befasse mich hier nicht mit Influencern, sondern mit einem Thema, das dringend einmal näher betrachtet werden muss.

Was ist ein Femizid? Hierbei handelt es sich um die Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. Geprägt wurde der Begriff ab den 90er Jahren von Feministen. Zunächst wurde er in den USA verbreitet, mittlerweile benutzt man ihn auch in Zentraleuropa.

Vor zwei Tagen hieß es, dass man in der Schweiz zum Beispiel bereits den 21. Femizid seit Anfang des Jahres verzeichnet. In Österreich ist seit Jahresbeginn beinahe jede 2. Woche eine Frau oder ein Mädchen durch ein Gewaltverbrechen aus dem Leben gerissen worden.

Aber handelt es sich dabei wirklich um strukturellen Frauenhass?

Warum ich ein Problem mit dem Begriff Femizid habe

Diese Morde werden mit #femizid gezielt zu einer Sache gemacht, in der sich Feministen gegen toxische Männlichkeit stellen. Dass wir in Österreich ganz offensichtlich ein Problem mit häuslicher Gewalt haben, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber Mitnichten ist das ein Problem, mit dem sich ausschließlich Frauen durch ausschließlich Männer konfrontiert sehen.

Ich persönlich sehe absolut kein Problem darin, dass man bei häuslicher Gewalt zwischen Gewalt an Männern und Gewalt an Frauen trennt. Dass es dafür unterschiedliche Beratungsstellen und Einrichtungen gibt – übrigens hier für Frauen und hier für Männer. Ich selbst bin ein Opfer häuslicher Gewalt gewesen, ich habe komplexes PTBS und kann daher sehr gut nachvollziehen, dass es dann einfach jemanden braucht, der ein anderes Geschlecht als der Täter hat, um sich überhaupt ansatzweise therapieren lassen zu können.

Aber mit Begriffen wie Femizid spaltet man ganz bewusst.

Der 21. Frauenmord in Österreich in diesem Jahr wurde an einer Frau verübt, die bei Caritas gearbeitet hat. Caritas hat folgenden Tweet veröffentlicht:

Und als dann jemand die Anregung eingeworfen hat, dass man nicht sicher sein könne, ob die Tat wirklich nur wegen des Geschlechts geschehen ist, kam folgende Antwort:


Bei diesem Mordfall handelte es sich um einen Doppelmord. Die Dame, die bei der Caritas gearbeitet hat, war eine Dolmetscherin. Der Tatverdächtige war ein Somalier, der zum Tatzeitpunkt stark alkoholisiert gewesen sein soll. Es gab gegen ihn bereits Anzeigen wegen Vergewaltigungsverdachts. Angeblich habe er bei der Polizei angerufen und gesagt, er habe soeben zwei Frauen getötet. Zu den Anzeigern zählt auch ein männliches Opfer, hier soll ein sexueller Übergriff stattgefunden haben.

Mord also an zwei Frauen, weil es Frauen sind? Nachdem womöglich ein sexueller Übergriff an einem Mann stattgefunden hat?

Ich finde es schon bedenklich, dass sich ausgerechnet die Caritas da so gezielt positioniert, nur Stunden nachdem die Tat bekannt geworden ist, ohne dass die Ermittlungen abgeschlossen sind und man seitens des Täters den Grund der Gewalttat genau kennt. Bedenklich, weil es Gelinde gesagt an Manipulation grenzt.

Entweder Frauenhass oder “die Ausländer” sind der Grund

Bevor ich die Fälle auseinandernehmen, will ich die Gelegenheit nutzen, um zu erklären, warum ich betont habe, dass der Tatverdächtige im 21. Mordfall ein Somalier war. Nicht nur wird nämlich toxische Männlichkeit diskutiert, die rechte Szene nutzt diese Mordfälle dazu, um die Gesellschaft weiter zu spalten und zu Ausländerfeindlichkeit aufzurufen. Die Medien springen voll drauf an. Es folgen Schlagzeilen, wie:

OE24 schreibt:

Femizid-Headline-OE24

Heute schreibt:

Femizid-Headline-Heute

Und Kosmo schreibt:

Femizid-Headline-Kosmo

Um mal drei relativ aktuelle Beispiele zu nennen.

Die einen fordern Gewaltprävention, die sich hauptsächlich an Männer richtet während die anderen an die Regierung appellieren, da durch einzelne Abschiebungen so mancher Mord hätte verhindert werden können. Gerade der Fall Leonie wird dabei immer wieder als Paradebeispiel herangezogen. Von Aussagen wie “typisch Afghanen” bis hin zur Täter-Opfer-Umkehr und der Beschuldigung der Eltern ist da einfach alles dabei.

Keine dieser Ausuferungen bringt uns in der eigentlichen Sache weiter. Denn während jeder versucht, die Frauenmorde für seine politischen Überzeugungen zu nutzen, werden weiterhin Menschen ermordet.

Und was dabei genauso wenig von der Hand zu weisen ist: In den meisten Fällen dieser Frauenmorde seit Beginn des Jahres handelt es sich um Ex-Partner. Und in den anderen Fällen meist um jemanden, den das Opfer schon zuvor gekannt hat. Es besteht auf die ein oder andere Art also in der Regel eine zwischenmenschliche Verbindung. Ist es da denn wirklich so undenkbar, dass die Tat aus Eifersucht, Hass oder Wut auf die einzelne Person geschehen ist? Muss man das wirklich gleich auf Frauenhass schieben und zum feministischen Kampfschrei übergehen?

Der Feminismus hat mittlerweile schon genug eingebüßt. Ich sehe nicht, wie die aktuelle Diskussion der Sache weiterhelfen soll. Wir haben zu viele radikal denkende Menschen in den Reihen der Gleischstellungskämpfer, die jeden Sinn für Objektivität zu verloren haben scheinen. “Wer nicht für uns ist, ist gegen uns”, scheint dabei das Motto zu sein. Alles wird überbewertet, überanalysiert, Menschen werden Wörter in den Mund gelegt, die sie nie gesagt haben und jede Gewalttat gegen eine Frau ist automatisch auf das männliche Patriarchat zurückzuführen.

Ich beobachte das alles mit großer Sorge.

Statistiken zu Gewalt an Frauen und Männern sind immer mit Vorsicht zu genießen – wie alle Statistiken!

Die Stadt Wien bietet für ganz Österreich einige Zahlen, die für ganz Österreich gelten.

Eine davon ist die Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern aus dem Jahr 2011, durchgeführt an der Universität Wien. Ich zitiere seitens der Stadt Wien:

29,5 Prozent der befragten Frauen in Österreich (jede Dritte) waren bereits Opfer von sexualisierter Gewalt. Sie wurden vergewaltigt, versucht vergewaltigt oder zu sexuellen Handlungen genötigt, die sie nicht wollten. 56,8 Prozent der Frauen haben bereits körperliche Gewalt erfahren. Jede dritte Frau eine leichte Ohrfeige, 5 Prozent wurden verprügelt. (Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld.

Ich habe im insgesamt 302 Seiten umfassenden Dokument keinen Anhaltspunkt dazu gefunden, wie viele Personen überhaupt befragt wurden, um zu diesen Werten zu gelangen! Nach einiger Recherche landete ich bei den Autonomen Österreichischen Frauenhäusern, die einige Studien zum Thema bereitstellen. Dort habe ich eine Antwort darauf erhalten:

1.292 Frauen und 1.042 Männer im Alter zwischen 16 und 60 Jahren wurden für diese Prävalenzstudie befragt.

Also 2.334 Menschen. Von rund 8,9 Mio. Einwohnern, die ganz Österreich zählt. Das sind 0,026 % unserer gesamten Bevölkerung!

Wie kann ein so geringer Anteil Anlass dazu geben, dass wir häusliche Gewalt zu einem Problem machen, das ausschließlich Frauen betreffen und das ausschließlich von Männern ausgehen soll?!

Experten gehen davon aus, dass drei von vier Betroffenen das geschehene Gewaltdelikt gar nicht melden.

Was ich an dieser Sache auch sehr problematisch finde, bleiben wir zunächst mal bei dieser einen Studie und den Autonomen Österreichischen Frauenhäusern. Hier heißt es nämlich:

Autonome-Frauenhäuser-Österreichs

Ich darf wiederholen:

Die Studienergebnisse zeigen klar auf, dass für viele Frauen das zu Hause der gefährlichste Ort ist

Von den befragten 1.292 Frauen und 1.042 Männern haben 7,4 % Frauen und 14,7 % Männer noch nie einen Übergriff erlebt.

Aber die Studienergebnisse zeigen klar auf, dass für viele Frauen das zu Hause der gefährlichste Ort ist.

Ist es wirklich nötig, dass man das so klar betont und hervorhebt? Dass man das ausschließlich auf Frauen bezieht? Selbstredend, es geht um ein Frauenhaus. Aber auch dann ist es nicht notwendig mit so einem Beisatz fast schon zu suggerieren, dass nur für Frauen das eigene Zuhause zum gefährlichsten Ort wird.

Umgerechnet sind das übrigens 96 von 1.292 Frauen und 153 von 1.042 Männern, die in diesem speziellen Fall befragt worden sind und die noch nie Opfer von Gewalt im nahen sozialen Umfeld geworden sind.

Oder anders gesagt:

Von den befragten Personen wurden 1.196 Frauen und 889 Männer Opfer von Gewalt im nahen sozialen Umfeld.

Wenn das alleine nicht schon Zeichen genug dafür ist, dass wir in Österreich generell ein Problem mit Gewalt haben und sich das nicht rein auf ein dezidiertes Geschlecht bezieht, dann weiß ich ja auch nicht. Und das ist nur eine einzige Studie, die schon solche Werte aufzeigt!

Warum sterben so viele Frauen im Kontext von Beziehungen?

Bei Morden an Frauen sind die Rahmenbedingungen anders – zumindest ist das bei den Fällen des etwa letzten Jahrzehnts in Österreich immer so gewesen. Es geschehe überwiegend im Kontext von Beziehungen. Die Kleine Zeitung hat dazu einen ganz interessanten Artikel verfasst und die Sache einmal kritisch beleuchtet.

Es wurden mehrere Personen für den Artikel befragt, darunter auch der forensisch-psychiatrische Gerichtsgutachter Reinhard Haller. Es ist die Rede davon, dass eine Zunahme motivarmer Delike beobachtbar sei, allerdings international. Es dominieren nicht länger Affektdelikte und Sexualmorde, sondern Morde, die von den Tätern zuvor geplant werden und die aus Rache ausgeübt werden. Außerdem wird erwähnt, dass die Täter danach kaum erschüttert seien und keinen Suizid begehen.

Was geschlechtsspezifisch für männliche Täter sein soll, ist die Tatsache, dass Männer viel kränkbarer und verletzlicher sind, als sie es nach außen zeigen dürfen.

Ich bin kein Mann, ich kann das weder bestätigen noch widerlegen. Und die Männer in meinem privaten Umfeld sind gewiss nicht präsentativ für ein ganzes Land, da es eben nur einige sind und nicht mehr als acht Millionen. Dass es toxische Männlichkeit gibt, verleugne ich nicht. Dass wir etwas dagegen tun müssen, bejahe ich ausdrücklich. Aber dazu gehört nebenbei einfach auch, dass wir anerkennen, dass Gewalt im sozialen Umfeld absolut keine reine Frauensache ist.

Und genau das ist mein Problem mit der Art und Weise, wie diese Morde an Frauen in sozialen Medien und in der Berichterstattung gehandhabt werden. Man polarisiert, man politisiert, man sucht einen Schuldigen, anstatt präventive Lösungen zu fördern.

Es wird zum Beispiel kritisiert, dass die Regierung eine Hotline eingerichtet hat, um etwas gegen die steigenden Mordfälle zu unternehmen und anstatt dass die Leute empört darüber sind, dass es erst Mordfälle geben muss, ehe das Problem wirklich zumindest mal ansatzweise angegangen wird, streiten sich alle darüber, ob es nun ein Mordfall aufgrund des Geschlechts ist oder nicht.

Wir brauchen funktionierende Lösungen, keine “Kampfbegriffe”

Wir können nicht auf der einen Seite nach Gleichberechtigung verlangen und alles als toxische Männlichkeit abtun, was nur irgendwie an Gewalttaten gegen Frauen passiert. Keiner von uns weiß, was in dem Moment im Kopf des betroffenen Menschen vor sich geht und warum es am Ende zu der Tat gekommen ist. Wir befinden uns in einer problematischen Zeit, in der die Gemüter extrem hochkochen, in der die Gesellschaft so gespalten wie schon lange nicht mehr wirkt. Mord aus niederen Gründen ist keinesfalls zu entschuldigen, aber ich würde niemals so weit gehen, ohne es vom Täter selbst eindeutig zu hören, einfach zu behaupten, er sei aufgrund von Frauenhass geschehen.

Mord und Gewalt sind keine Wettbewerbe. Mord und Gewalt sind ernstzunehmende Probleme, die man nicht damit aus dem Weg räumt, wenn man damit beginnt, den Grund allein bei Männern zu suchen.

Und wenn wir schon dabei sind, dass wir toxische Männlichkeit aus unserer Gesellschaft befördern müssen, dann unterhalten wir uns doch auch gleich bitte darüber, dass nicht nur Männer dazu beitragen, dass das Bild der Geschlechterrollen überhaupt noch immer so stark definiert ist.

Es gibt immer noch genug Frauen, die entweder gegen Feminismus sind, oder die einfach nicht verstehen, worum es dabei geht. Die Förderung der klassischen Geschlechterrollen beginnt bereits bei der Rosa-Hellblau-Falle, in der Maximilian keine Barbie-Überraschungseier haben darf, weil die “nur für Mädchen sind”. Und oft kommt dann auch noch ein Kommentar hinzu, wie “sonst wird er noch schwul” – und da haben wir es dann nicht nur mit Sexismus, sondern eben auch noch der Förderung von toxischer Männlichkeit und Homophobie zu tun.

Was ich damit sagen will? Wir dürfen nicht nur mit dem tadelnden Finger auf Männer zeigen, vor allem dann nicht, wenn wir gar nicht wissen, was überhaupt zur jeweiligen Gewalttat geführt hat, während wir selbst auch nichts dagegen tun, um die toxische Männlichkeit zu zersprengen und ein stärkeres Bewusstsein über die bestehenden Gewaltprobleme zu verbreiten.


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