Ghostwriting: Der wohl schlimmste Beruf, den du als Webworker annehmen kannst

Ghostwriting-Fluch-und-Segen

Ich hatte da mal wieder ein Schlüsselerlebnis. tumblr_inline_mpl4oe8DY81qz4rgp

Als mir letztens zufällig aufgefallen ist, dass ein Kunde die Texte, die ich vor Jahren für ihn verfasst habe, nun zum Spiegel hat umziehen lassen, um sie dort als Kolumne unter seinem eigenen Namen zu veröffentlichen, habe ich ihn kontaktiert. Denn das Nutzungsrecht, das ich ihm übertragen habe, ist etwas anderes als das Urheberrecht. Und solange es nicht mit mir abgesprochen ist, darf sich jemand nicht einfach als Autor meiner Texte ausgeben.

Da ich so etwas grundsätzlich nicht zulasse, kann es also nicht sein, dass es da eine Ausnahmeregelung gegeben hat.

Ich will nicht überall mit meinem Namen aufscheinen, aber ich will eben auch nicht, dass sich irgendein Unternehmer die Expertise zuschreibt, die aus meinen Texten für ihn hervorgehen.

Es ist natürlich auch ein Unterschied, ob mein Text auf einer kleinen Website mit Affiliate Links veröffentlicht wird, oder er auf der Webseite des Spiegels Kunden anziehen soll. Das nicht zu bedenken, wenn ich ein zeitlich und räumlich uneingeschränktes Nutzungsrecht einräume, war mein Fehler. Aber den Trumpf mit der Autorennennung habe dann in solchen Fällen trotzdem noch immer ich in der Hand – es gibt ja schließlich auch keine schriftliche Vereinbarung, dass ich dem zustimme.

Tja und nachdem ich darauf beharrt habe, dass der Kunde das ändert, er mir geschrieben hat, dass das “eine absolute Besonderheit” für mich als Dienstleister sei (ich schätze, er meint, dass ich auf geltendes Recht poche… LOL?) und er es “schade” findet, dass ich so reagiere, hat er es geändert.

Ich weiß, dass er nicht rechtens handelt. Er weiß das mit Sicherheit auch. Und dass mir ein Typ, der mich trotz mehrmaligem Nachfragen geghosted hat, anstatt mir einfach wie ein professioneller Geschäftsmann zu sagen, dass er keinen weiteren Auftrag für mich hat, nun damit kommt, dass er mein Verhalten “schade” findet, ist einfach nur lachhaft.

Nachdem ich mich auf Twitter zu der Thematik ausgelassen habe, machte sich in mir das dringende Bedürfnis dazu breit, einen Exposed-Artikel über diese Thematik zu schreiben. Aber ich muss schon ehrlich sagen: Das reicht nicht. Es muss um Ghostwriting an sich gehen, denn das ist der wohl schlimmste Beruf, den du als Webworker annehmen kannst.

Kaum eine andere Branche ist so dermaßen unprofessionell

Webdesigner, die wegen irgendwelchen Witzbolden, die ganz gerne WordPress-Installationen für Geld aufsetzen, tagtäglich um ihr Honorar streiten müssen, wissen, wie schlimm sich die Webworking-Branche in den letzten Jahren entwickelt hat.

Tatsache ist, dass man als Onlinetexter eine eierlegende Wollmilchsau ist. Man muss gut schreiben können, sollte kein Problem mit Rechtschreibung und Grammatik haben (was ja noch zu verschmerzen ist, wenn es gering ausfällt), sollte vor allem erstmal gut schreiben können und dann noch ein gutes Gefühl dafür entwickeln, wie sich Sprache auf den Leser auswirkt.

Dank Plattformen wie Textbroker und anderer Content Broker, die ich mittlerweile ganz offen kritisiere, und zwar hier, glaubt heutzutage einfach jeder, dass er mit dem Schreiben von Texten schnelles Geld machen kann.

Schnell wird dann festgestellt, dass man mitsamt der Recherche, der Konzeptionierung vom Text, dem Tippen und der anschließenden Korrektur für einen durchschnittlichen Text mit 500 Worten an die zwei Stunden Arbeitszeit benötigt. Für die man von einer solchen Plattform mit durchschnittlich 1,5 Cent bezahlt wird.

15 € für zwei Stunden Arbeitszeit. Und das Geld ist übrigens der Bruttoverdienst.

Zum Vergleich: Mein Durchschnittspreis lag bei 8 Cent pro Wort. Mein Stundensatz belief sich auf netto 75 €.

Wer sich von solchen Content Brokern entfernt und auf Jobbörsen oder in Facebookgruppen nach Aufträgen sucht, gerät schnell mal an Personen, die für ähnlich wenig Geld nicht nur Texte erstellt bekommen wollen, sondern auch noch eine interne Verlinkung möchten. Hinzu kommen die Bebilderung der Texte, die Formatierung und dann teils auch noch das Einstellen in WordPress sowie die gesamte Redaktionsplanung. Man muss dazu also oftmals die komplette Webseite des Kunden kennen und seine gesamte SEO-Arbeit für ihn übernehmen.

Es geht dann also schon Aufgaben, die gar nicht in den Bereich eines reinen Texters fallen sollten, da man dazu wirkliche SEO-Expertise benötigt. Und das in einer Branche, in der es stets heißt, das sollte nicht mehr als ein paar Cent pro Wort kosten, da es eh bloß ein reines Runtertippen wäre.

Unprofessionell ist die Branche aber durch beide Seiten. Durch Texter, weil im Grunde jeder dahergelaufene Hobbytexter der Meinung ist, er könne unter den Profis mitmischen. Und durch Auftraggeber, die offensichtlich der Meinung sind, dass geltendes Recht für sie keine Rolle spielen würde.

Ich will dir jetzt ein paar Geschichten und Details aus meiner vierjährigen Laufbahn als Ghostwriterin erzählen. Danach wirst auch du diese Branche mit ganz anderen Augen sehen.

Testaufträge sorgen für gratis Content

Immer wieder gibt es Forderungen von Testaufträgen, auch Probetext genannt. Dadurch soll festgestellt werden, ob der Schreibstil des Texters und seine Kompetenzen für das jeweilige Projekt geeignet sind. Für sowas gibt es allerdings Referenzen. Wer noch nie im Themenbereich etwas verfasst hat, darf sich schließlich nicht als Experte schimpfen und wer ein solcher ist, muss nicht erst irgendwelche Probearbeiten abliefern. Wir sprechen hier schließlich nicht von Architekturprojekten, die mehrere zehntausend Euro kosten werden, wo ein solches Gratismuster gerechtfertigt wäre, weil es auch um die Visionen des Architekten geht. Wir reden hier von einem Text, der durchschnittlich ein bis drei Stunden Arbeit erfordert!

Sicherlich, jetzt denkst du dir, dass das nicht so tragisch sein kann, denn immerhin könnte da ein langfristiger Auftrag rausschauen. Aber falsch gedacht, denn es ist meistens viel Blabla und nichts dahinter. Wie oft ich irgendwelche Zusagen erhalten habe, die nicht eingetroffen sind – dazu aber gleich noch mehr.

Stell dir vor, du würdest eine Woche lang nur kostenlose Probetexte schreiben. Womit verdienst du dann dein Geld? 

Vor allem ist das eine beliebte Methode, um seitens der Auftraggeber an gratis Content zu gelangen.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass auf YouTube ein Video von einem Wannabe-Businesscoach die Runde gemacht hat, in dem er genau so etwas empfohlen hat. Man solle sich via Probetexte einfach die ganzen Kapitel für ein ebook zusammenschummeln und es dann auf Amazon und anderen gängigen Plattformen verkaufen. So würde man passives Einkommen generieren, ohne auch nur einen Cent dafür bezahlen zu müssen.

Und auch, wenn das Video längst nicht mehr existiert, ist es eine gängige Handhabe, dass man erst Texte bestellt, sie schreiben lässt und dann einfach gar nicht bezahlt. Wem das zu heiß ist, weil er eine Klage vom Texter fürchtet, geht auch gerne mal dazu über, nur einen Probetext zu bestellen. Sagt dann ab, weil der Stil angeblich nicht passen würde, aber dennoch wird der Text dreist verwendet.

Profitexter werden gleich behandelt wie Hobbytipper

Es gibt einen großen, großen Unterschied zwischen erfolgreichen Textern, die SEO und Online Marketing verstehen und beherrschen und gar nicht erst auf Textaufträge angewiesen sind. Deren Wartelisten sind so lange, dass sie alle ihre Aufträge auf einmal verlieren könnten und dennoch genug Kunden da wären, mit denen sie den Verlust locker abfangen würden. Ich war so jemand. Und das gab mir die Möglichkeit, Bedingungen festzulegen, die der Kunde akzeptieren musste, wenn er wollte, dass ich für ihn arbeite. Dazu zählten die hundertprozentige Vorauszahlung sowie ein entsprechender Preis, den ich festgelegt habe und den nicht der Kunde vorgegeben hat. Entsprach es nicht seinem Budget, war das sein Pech, nicht mein Problem.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Leute, die meinen, dass sie gutes Geld damit verdienen können, sich täglich zwei Stunden hinzusetzen, ein bisschen tippen, von SEO nichts verstehen und der Auffassung sind, dass Marketing eine Sache ist, die mit Flugblättern vom Supermarkt zu tun hat. Solche Leute schreiben für ein paar Cent halbherzige Texte voller Tippfehler und Halbwissen, die nicht gut ranken und auch überhaupt nicht gut zu lesen sind. Und solche Leute zerstören das Business.

Meiner Erfahrung nach sind sich die meisten Kunden darüber bewusst, dass es diese Unterschiede gibt. Sie hoffen darauf, einen Texter zu erwischen, der gut schreibt und dessen Texte Potenzial haben, um die dann für wenige Cent pro Wort zu bekommen, weil die Person nunmal so furchtbar naiv ist. Und glaub mir, das birgt unglaubliches Frustpotenzial.

Stell dir vor, du hast schon für namhafte Unternehmen und Marken geschrieben, führst deinen eigenen Shop und mehrere erfolgreiche Webseiten und dann kommt so ein Dude daher, der dir erzählt, dass du deine Arbeit gefälligst für 2 Cent pro Wort für ihn zu machen hast, denn mehr wäre ihm das nicht wert – und mehr würden ihn auch die anderen Texter nicht kosten. Daneben will er natürlich noch zahlreiche Zusatzleistungen, selbstverständlich kostenlos. Das multiplizierst du dann mit einem Wert über mindestens zehn und schon hast du die Anzahl der Anfragen, die dich jede Woche aufs Neue Nerven kosten. Denn selbst, wenn du die Qual der Wahl bei deinen Aufträgen hast, glaub mir, wird es dich auf Dauer frustrieren, wie dreist und frech die Leute einfach sind.

Leute lagern Texterstellung aus & verdienen daran noch

Durch eine solche Methode habe ich zum Beispiel mal Texte für eine Energydrink-Marke geschrieben.

Es begann damit, dass ich 2018 im Herbst irgendwann eine witzige Kampagne á la “mir ist langweilig, wer braucht spontan Texte” in eine Facebookgruppe gestellt habe, um zwischendurch einfach mal wieder Kontakt zu ganz neuen Kunden zu erhalten. Dadurch ergab sich das Gespräch mit der Dame einer kleinen Agentur, die gerade nerdige Texte für einen neuen Energydrink erstellen lassen wollte. Wir haben ein bisschen geplaudert, worum genau es gehen würde und schon wurde der erste Text geschrieben. Sie war begeistert, die Marke war laut ihr begeistert und dann durfte es auch schon weitergehen. Aber irgendwas war seltsam, mein Bauchgefühl schlug Alarm.

An einem Wochenende wurde plötzlich spontan ein Text benötigt, dafür gab es Eilzuschlag. Keine Diskussion, kein Problem. Auftrag wurde erledigt. Es ging im Übrigen um kurze Produkttexte, die aber werbetechnisch gut klingen mussten und da kann ein kurzer Text mit 200 bis 300 Wörtern auch schonmal eine halbe Stunde benötigen. Daher war das ein eher ungemütlicher Auftrag, was ich auch ganz offen kommuniziert habe. So spontan etwas so Kreatives zu wollen funktioniert nicht. Man müsse mir da eine Woche Zeit geben, da es sonst ein Text wird, der gezwungen und über das Knie gebrochen wirkt.

Es ging ein paar Mal so weiter, plötzlich hieß es, die Texte würden doch nicht mehr passen, die Marke wünscht sich plötzlich eine komplett andere Herangehensweise und damit auch andere Texte. Da wurde mir klar: Das Unternehmen weiß vermutlich gar nicht, dass die Texte nicht von der Person kommen, mit der ich da schrieb! Jedenfalls wusste man nicht, dass die Texte von mir waren, denn meine Rechnungen gingen an die kleine Agentur.

Ich blockte ab. So schnell würde ich keine Texte neu schreiben und wenn, dann müssten die vor allem wie neue Texte bezahlt werden. Ich biete keine Korrekturschleife bei Texten an, die bereits mit einem “boah klingt das geil, du hast das voll drauf” abgenommen wurden.

Die Person stellte ein Eilgesuch in einer Facebookgruppe ein, man müsse ihr den Hals retten und wer die Texte liefern kann, bekommt auch künftig den Auftrag.

Es wundert mich an der Stelle nicht, dass man von einem “Wir sind bald wieder für Sie da” begrüßt wird, wenn man die Webseite dieser Agentur aufruft. Ich kann nur für das Unternehmen hoffen, dass man sich längst von dieser getrennt hat, um mit einer anderen zusammenzuarbeiten.

Übrigens verdienen solche Agenturen meist auch noch an den Texten, die sie an andere auslagern. Immerhin gibt es einen Aufschlag, der selbst dann besteht, wenn nichts mehr an den Texten gemacht wird. Während das in Einzelfällen legitim sein mag, habe ich mich nach dieser und so manch anderer Erfahrung dazu entschlossen, nur mehr mit dem Kunden direkt zu arbeiten. Es gab nämlich auch Situationen, in denen meine Rechnung einfach einige Wochen später bezahlt wurde – mit der Begründung, der Kunde (meines Kunden) habe erst jetzt bezahlt. Tja. Guess what. Nicht mein Problem. Mein Kunde ist die Agentur, nicht derjenige, der dann den eigentlichen Text erhält.

Ohne Vertrag wird sich meist nicht an Abmachungen gehalten

Eigentlich hatte ich einen Vertrag nur bei langfristigen Aufträgen, bei denen es um einen hohen vierstelligen Betrag ging. Bei einer einmaligen Sache, sagen wir bei einem Budgetüberschuss, der spontan in Werbetexte investiert wird, hat in der Regel die schriftliche Vereinbarung per Mail und auf der Rechnung gereicht. Immerhin habe ich sowieso nur auf Vorauskasse gearbeitet.

Dann gab es aber Fälle, in denen sich trotzdem nicht an Vereinbarungen gehalten wurde und das machte das Ganze dann mühsam.

Ein Kunde zum Beispiel jammerte, dass er zu gerne einen solchen Vertrag mit mir abschließen würde, er das aber den beiden älteren Firmeninhabern nicht verkaufen kann. Wir mussten uns von einer Rechnung zur nächsten weiterhangeln, mein Preis war kalkuliert anhand der versprochenen Gesamtmenge. Und, du kannst es dir schon denken, zu der kam es nie. Irgendwann wurde ich von dem Kunden geghosted, das Projekt wurde bis heute nicht fertiggestellt. Keine Ahnung, woran das liegt. Vermutlich daran, dass einfach zu viele interne Unstimmigkeiten vorgeherrscht haben.

Aber natürlich, das Risiko bin ich eingegangen, also SSKM.

Anderer Kunde, ähnliche Geschichte.

Wir hatten einmal für ein sehr umfangreiches Projekt zusammengearbeitet, da ging es um eine niedrige vierstellige Summe. Glaub mir, für die Menge an Texten, war das äußerst günstig. Aber wir hatten gemeinsam Einsparungen getroffen. Es ging um 0815 Texte, die nicht großartig ranken sollten, sondern mehr als eine Beschreibung dienen sollten. Ich würde sie nicht einpflegen, auch nicht nochmal drüberlesen. Kunde war einverstanden damit, sehr zufrieden mit der Arbeit und als es dann ein paar Wochen später an ein neues Projekt heranging, da der Kunde eine zweite Firma gekauft hatte, wurden plötzlich verschiedene Absprachen nicht eingehalten. Das lag daran, dass eine Hand nicht wusste, was die andere machte. Es waren zwei Personen involviert, jeder wollte es anders und als ich meinte, dass das so für mich nicht weiter klappt, haben sich unsere Wege getrennt. Interessant ist, dass dieser Kunde natürlich noch versucht hat, mich schlechtzureden. Als wäre ich unfähig, im Team zu arbeiten, weil ich klarstelle, dass nicht A etwas verlangen darf, worüber sich dann B bei mir beschwert, da sie das intern und ohne mich klären müssten.

Warum ich mit dem Texten für andere aufgehört habe

Bevor ich meine Nerven weiterhin mit beschriebenen Fällen aufopfere, riskiere ich es lieber mal, einen Monat etwas weniger einzunehmen und dafür nur das zu tun, wonach mir gerade ist. Außerdem hat es gerade zu meiner Lebenssituation gepasst, dass ich die Chance ergreife und 2022 alles in eine andere Richtung bewege.

Natürlich, es hat einige Kunden gegeben, die wunderbar gewesen sind, sonst hätte ich das alles nicht vier Jahre durchgehalten. Aber wenn ich nur einen Auftrag annehme, blockiere ich mir damit wieder Zeiten für eigene Sachen und ich sehe auf lange Zeit nur die Möglichkeit für entweder A oder B, keine Kombination aus beidem. Und ich habe mich für die Variante entschieden, bei der ich mir selbst treu bleiben kann und mit der ich glücklich werden kann.


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