Autismus/Asperger

8 Tipps während und gegen Meltdowns

Puh, lange hat es gedauert, aber hier ist er aber endlich: Mein Artikel mit den besten Tipps, um mit einem Meltdown umzugehen oder diesen überhaupt zu vermeiden. Passenderweise genau zum diesjähigen Weltautismustag. 😀 Dieser Beitrag richtet sich insbesondere an neurotypische und nicht-autistische Personen. Und damit an all jene, die bei einem solchen Zustand Außenstehende sind.

Die insgesamt acht Tipps werden in zwei Teile gespalten: Meltdown- sowie Pre-Meltdown-Tipps.

Der Meltdown kurz erklärt

Tritt der Meltdown ein, beginnt der betroffene Autist je nach individuellen Verhaltensweisen damit, um sich zu schlagen, sich selbst zu verletzen oder auch zu schreien. Es ist ein Akt der Verzweiflung, in dem jegliche Kontrolle über das weitere Geschehen aus den eigenen Händen gleitet. Nach außen hin wirkt das im Grunde wie ein klassischer Wutausbruch. Im Körper und Kopf des Betroffenen allerdings herrscht das reinste Chaos, die pure Verzweiflung.

Da das Gehirn eines Autisten nicht dazu in der Lage ist, Eindrücke und Erlebnisse nach Prioritäten zu filtern, werden sie ununterbrochen mit der vollen Ladung sämtlicher Sinnesreize konfrontiert. Gerüche, Geräusche, Gesehenes und Gespürtes werden zur selben Zeit gleichintensiv wahrgenommen. Aus diesem Grund wird jeden Tag ein großer Teil der vorhandenen Energie nur dafür verbraucht, um überhaupt am Leben teilnehmen zu können. Nicht ausschließlich deshalb aber oft auch dadurch bedingt verhalten sich Autisten oft auffällig anders, als nicht-autistische Personen.

Lies hierzu auch meinen Blogeintrag über die möglichen Symptome bei Autismus.

Verschiedene Vorkehrungen und klare Strukturen können dabei helfen, mithilfe der Restenergie einen angenehmen Tag zu führen. Im Volksmund spricht man hierbei dann auch von funktionierenden Autisten. Kommt es hingegen zu Komplikationen, kann dies über verschiedene Stufen hinweg bis zum Meltdown führen. Und wie das dann aussehen kann, habe ich eingangs bereits erklärt.

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5 Tipps, um einem Meltdown vorzubeugen

Folgende Situation: Es ist bereits im Vorhinein bekannt, dass eine sehr stressige Situation auf euch und damit auch die autistische Person zukommen wird. Ihr wollt natürlich vermeiden, dass sich ein so extremer Stress aufbaut, dass es in letzter Instanz zum Meltdown kommt. Die nachfolgenden Tipps helfen euch dabei, genügend Vorkehrungen zu treffen und den schlimmsten Moment bereits ab dem Zeitpunkt der Reizüberflutung möglichst abzufangen.

Aber auch für alle anderen Tage und Situationen sind diese Tipps sehr wichtig. Denn stellt euch vor, es liegt ein schwerer Tag hinter der autistischen Person. Unter Umständen reicht eine dumme Bewegung, bei der man gegen eine Tischkante knallt – oder der Finger wird fies gekratzt, als der Thunfisch geöffnet werden möchte. Das reicht dann und zack, der Meltdown steht an der Tür und klopft – metaphorisch gesehen natürlich. Dementsprechend wertvoll sind also meine nachfolgenden Ratschläge.

1. Care-Paket erstellen und möglichst dabei haben!

Ich selbst mache es so: Zu Hause auf meinem PC-Tower steht eine kleine, grüne Schachtel; die Anti-Meltdown-Box. Sie ist zu groß, um sie ständig mitzunehmen, aber unterwegs habe ich zumindest einen Fidget Spinner und Kopfhörer dabei, um mich entsprechend von der Umwelt abschirmen zu können, wenn mir etwas zu viel wird. Jeder Autist hat seine eigene Grenze, ab wann es zu viel wird und nicht jeder ist dazu in der Lage, die Vorboten von einem Meltdown selbst zu erkennen bzw. an sich zu erfühlen. Daher nützt so etwas unter Umständen nichts; hier gilt es, dies auszutesten.

In dieser Box befinden sich verschiedene Dinge, die mich beruhigen. Dreh&Drink (alternativ Capri Sonne) mit Kirsch-Geschmack, Banane-Schoko-Corny, eine Handcreme, die nach Mandeln riecht, eine fast leere Dose von meinem liebsten Deo, ein Anhänger von VIXX (nicht lachen, das ist meine Lieblingsband xD), ein paar Sudoku-Rätsel, ein kleines Tütchen mit Glöckchen und der Radiergummi, den mir mein Schatz Mal geschenkt hat. Ein Stressball in Hamsterform kommt noch dazu, aber der hätte auf dem Bild die Sicht blockiert… :’D

Die einzelnen Sachen haben natürlich eine unterschiedliche “Stufe”, für die sie mir noch nützen. Visuelles, wie der Anhänger von VIXX und der Radiergummi funktionieren nur im ganz anfänglichen Vorbotenstadium, wo sich meine Brust anfühlt, als hätte mir jemand ein Korsett umgelegt und würde es immer stärker zuschnüren.

Wer wie ich Lebensmittel oder Getränke in dieser kleinen Box aufbewahrt, sollte diese unbedingt regelmäßig auf deren Ablaufdatum überprüfen!

2. Entspannung finden

Jeder findet anderweitig Entspannung. Nicht immer besteht ein Spezialinteresse und schon gar nicht besteht immer die Kraft dazu, dem noch nachzugehen, wenn der Tag erst stressig genug war.

Es sollten daher möglichst mehrere Wege gefunden werden, um Druck ablassen zu können, wann immer es nötig sein wird. Zum Beispiel durch Sit Ups, durch verschiedene Varianten von Stimming (mit den Händen flattern, bestimmte Texturen berühren, …) oder auch durch ein Nickerchen. Wichtig ist, dass diese Entspannung nicht durch essen stattfindet, denn das kann schnell zu einem Gewichtsproblem führen.

3. Unnötige Reize vermeiden

Wer nicht selbst autistisch ist, unterschätzt schnell einmal die Reize, die zu einer Überflutung der Sinne führen können. Kein Wunder, denn wer selbst nicht damit lebt, kennt es einfach nicht anders. Schnell wird das Rascheln der Chipstüte zur unendlichen Qual und das Kratzen der Gabel am Teller sorgt für schlimme Aggressionen. Es erklärt sich an dieser Stelle von selbst, dass es hilft, diese Faktoren zu meiden.

Sprecht mit dem Autisten in eurem Freundes- oder Familienkreis darüber, welche Geräusche, Gerüche und andere Umstände als besonders belastend wahrgenommen werden und findet gemeinsam Lösungen dafür. Chips werden dann zum Beispiel nicht mehr aus der Tüte gesnackt, sondern zuerst in eine Schale gekippt und hieraus mit den Fingern entnommen. Beim Schreibtisch hilft womöglich eine Unterlage dabei, den Stress zu mindern, der bei andauernden Berührungen entsteht und so weiter…

4. Pläne und Strukturen beibehalten

Jeder Mensch, der einen Autisten kennt, dem wird auch folgendes Szenario nicht fremd sein: Aus irgendeinem Grund ergibt sich eine Planänderung und nun reagiert die autistische Person besonders schroff. Das ist ein Alarmsignal, denn mit einem Schlag hat sich der innere Stress um ein Vielfaches erhöht, da die meisten Autisten nicht gut mit spontanen Änderungen klarkommen.

Das kann von unangekündigten Anrufen über unerwarteten Besuch bis hin zu einem plötzlich geschlossenen Museum alles mögliche sein. Da jede autistische Person ganz andere Rahmenbedingungen benötigt, hilft auch hier am meisten, einfach nachzufragen. Änderungen sollten sofort weitergegeben werden und wenn es in eurer Hand liegt, dann sorgt ihr im optimalen Fall ohnehin dafür, dass es gar nicht so weit kommt.

5. Notfallwort vereinbaren

Vereinbart ein Notfallwort, das signalisiert, dass nun die Grenze erreicht ist und nichts mehr geht. Besonders dann, wenn es sich beim betroffenen Autisten nicht mehr um ein Kind handelt, ist das Selbstgefühl in der Regel so gut ausgeprägt, rechtzeitig zu erkennen, wann es allmählich zu viel wird.

Fällt das Notfallwort, ist das euer Signal, um in Alarmbereitschaft zu gehen. Es kann jeden Moment passieren, dass alles drunter und drüber geht – oder eben auch nicht, wenn nun alles richtig gemacht wird. Für euch bedeutet das daher, dass nun jede weitere Überanstrengung vermieden werden muss. Ironie und Sarkasmus, Berührungen, Unterbrechungen in der Tagesstruktur, Reize von Geräten, offenen Fenstern und weitere belastende Situationen müssen so gut wie möglich vermieden werden.

Es sollte natürlich ein Wort sein, das nicht im täglichen Sprachgebrauch Verwendung findet.

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3 Tipps, wenn ein Meltdown eintritt

Nun haben all die Vorbereitungen nichts genutzt und dennoch ist der Stress zu groß geworden. So etwas passiert leider und dann ist es für keine der beiden Parteien eine große Hilfe, sich Vorwürfe zu machen. Nun heißt es, für die autistische Person da zu sein und zwar in erster Linie mental.

1. Ruhe bewahren

Das Wichtigste im Falle eines Meltdowns ist ganz klar: Ruhe bewahren!  Möglichst nicht anfassen, ansprechen und auch sonst einfach nur in Ruhe lassen!

Im Beitrag 19 Dinge, die du über Autismus noch nicht wusstest beschreibe ich ja auch zum Beispiel, dass wir dann kaum mehr etwas um uns herum mitbekommen und wir nun all die überschüssigen Reize, die uns zuvor überfordert haben, sodass es überhaupt so weit gekommen ist, auf einen Schlag entladen. Mit anderen Worten: Die autistische Person kann nichts dafür, was in diesem Moment passiert.

Man weiß natürlich im Nachhinein, dass es nicht okay war, zu tun, was man getan hat, sollte dabei beispielsweise etwas kaputtgegangen sein. Aber ändern lässt es sich nicht mehr und Vorwürfe helfen dann schon gar nicht weiter.

2. Nur eingreifen, wenn eine schlimme Verletzung droht

Den Autisten zu berühren, wenn er bereits einem Meltdown zum Opfer geworden ist, schmerzt womöglich extrem für die Person. Denn der Körper reagiert ohnehin bereits extrem auf äußere Einflüsse und weitere Reize verstärken das Ganze im schlimmsten Fall nur noch.

Berührt die Person also wirklich bitte nur dann, wenn sie sich andernfalls einen Arm brechen würde oder eine andere schlimme Verletzung das Ergebnis wäre. Zum Beispiel wird eine Vase auf den Boden geschmettert und ihr seht schon kommen, dass derjenige nun in die Scherben schlagen oder treten wird.

Denn unter Umständen schaltet sich während dem Meltdown das Schmerzzentrum im Hirn ab oder fährt zumindest so weit herunter, dass eine Verletzung nicht direkt wahrgenommen würde.

3. Sofort die Reizumgebung abschwächen

Zusätzliche Reihe verstärken die Situation oft nur negativ. Es empfiehlt sich daher, den Raum so ruhig wie möglich zu halten und ihn möglichst abzudunkeln. Essen, Parfums und andere Dinge, die sich hier befinden und starke Gerüche abgeben, können aus dem Raum geschafft werden.

Bei Bedarf und je nach Ausmaß des Meltdowns ist es möglich, dem Betroffenen sogenannte Noise cancelling Kopfhörer anzubieten, sofern diese verfügbar sind. Deren eigentlicher Zweck ist es allerdings, den Autisten bereits im Vorhinein von zu starken Lärmeindrücken abzuschirmen und es gar nicht erst zum Meltdown kommen zu lassen.

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