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Interview: Paartherapeutin Annette Gralke aus Düsseldorf

Jeder von uns kennt es – oder hat den Begriff zumindest schon einmal gehört. Eine Paartherapie. Eigentlich ein sehr abschreckender Begriff, weil wir ihn doch mit negativen Dingen im Leben verbinden. Doch im heutigen Interview haben wir Paartherapeutin Annette Gralke zu Gast, welche uns ein paar Fragen über die Paartherapie beantworten wird. Vielleicht wirft das dann für manchen von uns ein ganz anderes Licht auf diese Sache. Viel Spaß und vielen Dank an die liebe Annette für die Teilnahme dazu! emoji02_by_emoji_icon-d6kv97g

Wann ist eine Paartherapie fällig?

Eine Paartherapie steht an, wenn beide Partner mit der Situation ihrer Beziehung unzufrieden sind und zusammen bleiben wollen oder sich gütlich trennen möchten. Eine Paartherapie ist fällig, wenn sich das Paar nur noch im Stress befindet. Es gibt eine alte Regel, 5:1. Wenn auf 5 gute Ereignisse ein schlechter Tag kommt, dann ist die Beziehung intakt. Wenn es 2:3 oder 1:1 wird, dann wird es als Stress empfunden, miteinander zu sein oder zusammen zu leben.

Was genau wird bei einer Paartherapie bearbeitet? Die Menschen? Die Beziehung?

Bei einer Paartherapie wird vorher abgesprochen, was das Paar bearbeiten möchte. Niemand wird analysiert, zurecht gebogen oder passend gemacht. Beide arbeiten zusammen an den Themen, die eine Belastung darstellen. Es kommt auch nicht darauf an, einen Schuldigen zu finden oder Schuld zuzuweisen. Das gleiche gilt für Vorwürfe und Kritik oder Leistungsvergleich. In einer Paartherapie bekommt erst einmal jeder und jede seinen bzw. ihren Raum um sich auszudrücken und mitzuteilen. Es wird erstmal ganz einfach begonnen zusammen ins Gespräch zu kommen und zu schauen, was überhaupt passiert ist oder gerade erlebt wird.

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Was ist Ziel einer solchen Beratung? Soll danach alles so weitergehen, wie bisher oder findet die Partnerschaft direkt einen Neuanfang?

Nach einer Paartherapie Sitzung gehen beide in der Regel sehr erleichtert aus dem Raum. Egal wie unmöglich verstrickt sich das Ganze anfühlt, beide spüren, es hat sich etwas bewegt. Das kann ein Perspektivenwechsel sein oder eine Erkenntnis, ein neues Gefühl, etwas, was vorher nicht zur Verfügung im Raum stand. Das Ziel einer solchen Beratung ist das Erkennen der Belastung und das Erlernen neuer Möglichkeiten der Kommunikation miteinander. Direkt einen Neuanfang miteinander zu finden kann durchaus möglich sein. Manche Paare beschreiben, dass sie sich wie frisch verliebt fühlen. Das hält leider nicht ewig an und kann schon nach einer Woche Alltag verschwinden, wenn nicht weiter grundsätzlich gearbeitet wird.

Denkst du nicht, dass es einfach ein Zeichen dafür sein kann, dass Menschen nicht zusammenpassen, wenn sie sich in negative Partnerschaftsstrukturen verwickeln?

Das ist eine landläufige Vorstellung, die als Idee vorgetragen wird, wenn es zu anstrengend wird. Der Partner, der so argumentiert, hat meist eine innere Vision davon, dass es mit einem anderen Menschen leichter wäre. Das stimmt vielleicht kurzfristig, ist aber auf lange Sicht ein Trugschluss und die Zeit holt diesen “Flucht-Partner” wieder ein. Wenn ein Paar nicht zusammenpasst, dann merkt es das in der Regel daran, dass sie nicht zusammenkommen als Paar. Nach drei Jahren Beziehung, mit Haus und Kindern, zu sagen, wir passen nicht zusammen, ist eine starke Vereinfachung. Entscheidend ist der Wille – deswegen fragt das der Pfarrer das Brautpaar – willst Du diesen … Er fragt nicht – Denkst Du ihr passt zusammen? In negative Partnerschaftsstrukturen verwickelt zu sein, heißt nicht, dass es nicht passt, sondern eher das Gegenteil, dass die Liebe in ihrer Tiefe als zuverlässig erlebt wird, so dass sie mit anstrengenderen Themen belastet werden kann als am Anfang. Das Unterbewusstsein fängt an Wunden zu heilen, die frühere Verletzungen hinterlassen haben. Es ist vergleichbar als würde man mit einer Taschenlampe in einen Mülleimer leuchten. Die Liebe ist in diesem Beispiel die Taschenlampe und das Unterbewusstsein der Mülleimer. Das wird natürlich als “unpassend” erlebt.

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Sind es vorwiegend die Männer oder die Frauen, die sich an dich wenden?

Früher waren es hauptsächlich Frauen – mit Ausnahme zweier Mönche, die etwas für sich klären wollten. Heute sind es überraschend viele Männer, die bei mir anrufen, um die Beziehung “zu retten”. Frauen rufen eher an, wenn sie nicht mehr an den Partner herankommen und leiden. Er mauert und sein Schweigen hinter verschränkten Armen wird “eisig”. Sie fühlen sich dann oft einsam und suchen Hilfe für die unglückliche Situation in dieser Beziehung. Männer kommen hinter dieser Mauer lange alleine zurecht und fühlen sich genervt, würden aber deshalb niemanden anrufen. Ein Mann meldet sich eher, wenn es zu einer Aussenbeziehung kam, die aber nicht die Partnerschaft gefährden sollte. Der Anruf der Geliebten hat alles durcheinander gebracht. Jetzt sollte die Paartherapie helfen können. Das ist natürlich etwas übertrieben dargestellt, denn jeder einzelne Mensch trägt sein Anliegen sehr vorsichtig vor und erst später zeigt sich, was wirklich dahinter steckt. Oft braucht es erst eine Weile bis aus den Verstrickungen und Heimlichkeiten die Wahrheit ans Licht kommt.

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Meine Lieben – lasst uns über dieses Thema diskutieren. Findet ihr, dass eine Paartherapie tatsächlich Sinn in der heutigen Zeit findet? Oder seid ihr eher der Meinung, dass eine Beziehung, die zu therapieren wäre, ohnehin zum Scheitern verurteilt ist? Wie sehr rechtfertigt eine kaputte Beziehung eine Affäre mit jemand anderem? Ich bin gespannt, was ihr mir dazu zu sagen habt und freue mich auf reges Austauschen!

4 Kommentare

  • Jay

    Naja also ich finde das halt schon ein wenig hart von der Dame ausgedrückt ._. Männer wenden sich an sie, weil ein Anruf von der Affäre kam? Natürlich kann sie selbst nichts für ihre Klienten, aber das klingt in meinen Augen ein wenig so, als würden Paartherapeuten den Leuten erst Grund dazu geben, fremd zu gehn. So á la “Oh ja, im Fall X kann i noch immer Thera machen”….

  • kpopshawol

    Solche Themen auf deinem Blog sind echt erfrischend, bring sowas ruhig öfter. Nur fehlt mir deine eigene Meinung ein wenig zu dem Thema. Eine Therapie der Ehe/Partnerschaft kommt an und für sich schon für mich in Frage, wenn man selbst nicht mehr weiter weiß. Immerhin sollte man in der heutigen Zeit nicht so ein Wegwerfdenken haben. Aber man soll sich auch nicht allzu sehr auf so etwas verlassen. Wenn es nicht sein soll, ist es eben so. Rein, was Paartherapeuten angeht – warum nicht. Es gibt auch Mediatoren, die dazu da sind, um proffessionell Streite zu schlichten, weil es die Leute selbst nicht können. Und da haben die Leute eben noch gar keine sexuelle Beziehung zueinander.

  • sunochan

    Ja, genau bei dem Thema hab ich mir auch meinen Teil gedacht. Aber, wie du schon richtig sagst, kann Frau Gralke nichts für ihre Klienten. (Auch das ist etwas hart ausgedrückt xD”) Ich glaube nicht, dass das grundsätzliche Angebot einer Paartherapie schuld daran ist, dass man heutztage so denkt. Vielmehr ist es der Respekt, den wir lernen, füreinander zu haben; und der wird aus irgendeinem Grund nicht mehr richtig vermittelt…
    Bevor ich eine Affäre anfange, gibt es doch verschiedene Faktoren, die mich dazu bringen. Ist es der Grund, dass die Beziehung nicht stimmt, hab ich gefälligst den Ar*** hochzuraffen und mich darum zu kümmern, dass die Beziehung wieder auf zwei gesunden Beinen steht. Wenn Hilfe von Außen nötig ist, dann bitte. Hilft es nicht, so schadet es sicher nicht, wenn man selbst nicht weiterkommt. Will ich allerdings eine Affäre eingehen, weil ich meinen eigenen Partner sexuell nicht attraktiv genug finde, ist das für mich kein Grund, eine Paartherapie anzugehen. Da hat man zu seinem “Problem” zu stehen, zum Anderen hinzugehen & zu sagen “du, xyz” und dann trifft man _gemeinsam_ eine Entscheidung. Sei das nun, dass man mit offizieller Erlaubnis fremdgehen kann (Gott, das fände ich SO schräg, aber gibt es auch immer wieder…) oder dass man sich dann trennt, weil is dann halt auch einfach so. Und selbst hier ist dann oft die Frage, ob der Grund nicht woanders liegt; Kommunikation ist soooo wichtig in einer Beziehung… Wenn man nie redet, darf man sich – meiner Meinung nach – im Nachhinein nicht beschweren, wenn der Partner nicht auf einen selbst eingegangen ist v_v

  • sunochan

    Hehe, dankesehr 🙂 So etwas ist – du wirst überrascht sein – ohnehin nun öfter auf meinem Blog geplant. Will mehr und mehr ernsthafte Themen abdecken in Zukunft. ^^v
    Meine eigene Meinung hab ich grad unter dem Kommentar von Jay gepostet. Wenn du dazu was zu sagen hast, nur zu. 🙂 Ich höre gern Gegenkritik an meiner Meinung. Was das mit den Meditatoren angeht, das stimmt natürlich. Warum sollte der Beruf an sich nicht nützlich sein. Mir geht es aber vielmehr darum; findest du das Thema Paartherapie an sich ist eher ein Tabu oder tatsächlich spruchreif, wenn es denn soweit ist?

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