Ich bin handysüchtig – und was ich dagegen tun werde

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Zwischen meinem Partner und mir besteht ein gewisser Altersunterschied. Daher kommt es oft zu Situationen, in denen er mir sagt, dass er nicht ganz nachvollziehen kann, wie stark die Generationen ab meiner Altersklasse mit ihren Handys im Alltag verbunden sind und dass es ihn persönlich ja nerven würde, nonstop erreichbar zu sein. Selbst meine beste Freundin, die zwei Jahre jünger ist als ich und die sonst absolut nicht technikbegeistert ist, hat ihr Handy verhältnismäßig oft in der Hand, ist immer wieder auf Instagram online und reagiert in der Regel auch innerhalb eines gewissen Zeitraums darauf, wenn man ihr schreibt. Ich habe seine Kommentare darüber daher nie groß hinterfragt und wir haben uns tatsächlich irgendwann eben gedacht, dass es der Generationenkonflikt sein muss – immerhin liegt fast ein Jahrzehnt zwischen uns beiden. Und meine Eltern, die beinahe denselben Altersunterschied haben, weisen ähnliche Unterschiede auf, was diese Annahme nur bestärkt hat.

Außerdem bin ich selbständig und betreibe mein Unternehmen hauptsächlich im Internet. Social Media Kanäle zu betreuen und Content für meine Webseiten zu kreieren, wofür oft stundenlange Recherchen vorangehen, sind zwei Aufgaben, die ich zu großen Teilen auf meinem Handy durchführe. Das gehört seit Jahren einfach dazu, das wird gar nicht weiter von uns beiden hinterfragt.

Nun gab es aber in der jüngsten Vergangenheit Situationen, in denen das Handy als mein ständiger Begleiter überhandgenommen hat. Wann genau das begonnen hat, kann ich nicht so genau sagen. Vermutlich nach 2019, als der große Fokus darauf lag, vom Burnout zu genesen. Mein Handy hat während der Zeit einfach jegliches Hobby ersetzt, das ich früher hatte und anstatt das dann wieder mit meinen früheren Freizeitbeschäftigungen abzulösen, für die mein Herz nun wieder immer stärker zu schlagen beginnt, habe ich irgendwann versucht, alles zusammen unter einen Hut zu bringen.

Die Rede ist dabei nicht von Nächten, in denen ich kaum geschlafen habe, weil ich ein so spannendes Buch oder eine so gute Fanfiction zu lesen gefunden habe, dass ich einfach noch ein bisschen wach bleiben wollte, um noch mehr von der Story zu erfahren. Die Rede ist auch nicht von den Momenten, in denen ich aus der Küche den ein oder anderen Tweet schreibe, weil ich gerade darauf warte, dass der Inhalt der Pfanne zu brutzeln beginnt.

Es geht vielmehr um Momente nach Feierabend, wenn wir auf dem Sofa liegen und ein Film läuft, und ich mich einfach nicht vom Handy lösen kann. Ich liege dann da, spiele Homescapes und wechsle abwechselnd zwischen Twitter, Tumblr und Instagram hin und her, wenn ich mal wieder darauf warte, dass sich meine Leben im Spiel füllen, versuche mich vielleicht zwischenzeitlich an Bubbles, um mir so die Zeit zu vertreiben und halte meinem Schatz immer wieder das Handy entgegen, weil ich gerade einen Reel auf Instagram entdeckt habe, den ich so lustig finde, dass ich ihn unbedingt mit ihm teilen muss.

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Ich kann mir keinen Film und keine Serie mehr anschauen, ohne mein Handy in der Hand halten zu müssen, weil ich mich wie eine ADHS Betroffene auf zu viel Zucker fühle. Irgendwas muss ich in den Fingern haben, sonst langweile ich mich zu Tode. Und wenn das meinem Unterbewusstsein nicht mehr legitim genug wirkt, dann kommt das gute alte Argument vom Eisenmangel. Wenn ich nur auf den Fernseher blicke, schlafe ich ein, weil ich so fertig vom ganzen Tag über bin. Nur, dass selbst diese Selbstlüge nicht mehr funktioniert, wenn es sonntags um 10 Uhr vormittags ist, ich mich gesund ernähre, viel Wasser trinke und Vitamin D zu mir nehme, weil ich im Moment daran arbeite, allgemein gesünder zu sein.

Gestern hatte ich so einen Moment der Erleuchtung, an dem mir alles wie Schuppen von den Augen gefallen ist. Wir haben uns gerade die Serie Jack Reacher fertig angeschaut und es ist eine kleine Macke von mir, dass ich mir von Film und Serien Pairings, die ich gern mag, Musikvideos auf YouTube raussuche, um sie mir dann anzusehen. Als ich das in diesem Fall gemacht habe, ist mir aufgefallen, wie viele Szenen ich da eigentlich übersehen habe, die echt gut waren.

Und da erinnerte ich mich an die liebevoll nörgelnde Stimme in meinem Kopf, die zufällig wie die von meinem Schatz klingt und die im Grunde nur wiederholt, was er im realen Leben immer wieder zu mir sagt: Ich hänge zu viel am Handy, kriege nicht alles mit, frage dann sinnlos nach, was dieser oder jener Charakter gesagt habe und würde es dann auch noch mit meinem ständigen Herzeigen von irgendwelchen Videos oder Memes ziemlich anstrengend machen, irgendwas zusammen anzuschauen.

Verdammt. Das hat erstmal gesessen.

Ich habe erst letztens von etwas gelesen, von dem ich mit einem Schmunzeln gedacht habe, dass das auf mich sogar zutreffen könnte. Und dann habe ich es belächelt und ganz weit in meinen Kopf verbannt und nie wieder einen weiteren Gedanken darüber verschwendet.

Wenn man Angst hat, nicht ständig und überall erreichbar zu sein, oder das Handy nicht ununterbrochen aufgeladen und in Reichweite zu haben, leidet man an sogenannter Nomophobie. Das ist die Abkürzung für No-Mobile-Phobia.

Es handelt sich hierbei aber nicht um eine anerkannte Diagnose, womöglich aber auch noch nicht. kPTBS wurde auch erst vor ein paar Jahren als eigenständige Krankheit anerkannt und Burnout gilt nicht als Krankheit, sondern als psychischer Gesamtzustand. Nur, weil etwas also nicht per ICD-Code als Krankheit international klassifiziert ist, bedeutet das nicht, dass ein eigener Begriff dafür keine Existenzberechtigung hat.

Tatsächlich gibt es Symptome, die mit Nomophobie in Zusammenhang gebracht werden: Zum Beispiel Ruhelosigkeit, wenn der Akku leerer wird, oder ein sogenannter Phantomeffekt. Das kann ein Phantomvibrieren oder Phantomblinken sein. Man bildet sich ein, dass das Handy ein Lebenszeichen von sich gibt, greift danach und bleibt in der Regel dann dran hängen.

Zudem habe ich in der Vergangenheit mal was drüber gelesen, dass das quasi “zweigleisig fahren” von am Handy sein und nebenher Fernsehen auch ein gewisses FOMO (= Fear of Missing Out) Symptom sein kann. Man hat Angst, dass man etwas verpassen könnte, was sich online abspielt und schafft es deshalb nicht, das Gerät wegzulegen. Da ich mich eben nicht nonstop online aufhalte, sondern auch viel nebenher am Handy spiele, habe ich mich bislang nicht weiter davon angesprochen gefühlt.

Auch gelten folgende Zeichen als Alarmsignal, ob man handysüchtig ist:

  1. Andere sprechen einen drauf an, dass man zu viel Zeit am Handy verbringt.
  2. Man fühlt sich unwohl oder inkomplett, wenn das Handy nicht dabei ist.
  3. Morgens wirft man als erstes einen Blick auf das Handy, sobald man wach wird.
  4. Man verbringt mehr Zeit am Handy als mit anderen Menschen.
  5. Man hat das Handy selbst beim Essen bei sich am Tisch.

Es gilt der Grundsatz: Je mehr dieser Punkte zutreffen, umso wahrscheinlicher ist ein Sucht- oder zumindest ungesundes Konsumverhalten im Zusammenhang mit dem Handy.

Die Punkte 1 bis 3 erfülle ich komplett, Nr. 4 ist so eine Sache, weil ich allgemein eher ein Eigenbrötler bin und es daher nicht schwierig ist, dass ich mehr Zeit mit einer gewissen Beschäftigung als mit anderen Menschen verbringe und Nr. 5 trifft nur dann zu, wenn ich zur Mittagszeit esse, weil ich dann alleine esse.

Wie man es also nimmt, besteht eine 60 bis 100 %ige Übereinstimmung mit den klaren Warnsignalen bei mir.

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Nach diesen ersten Erkenntnissen habe ich mir weiter Gedanken gemacht und meinen Handykonsum hinterfragt.

Macht mir das Handyspiel, das ich jeweils so intensiv in der Mangel habe (im Moment eben Homescapes) wirklich so viel Spaß, oder spiele ich es nur, weil ich mich andernfalls am Handy langweilen würde? Ich komme zum Schluss, dass ich teilweise tatsächlich ein sehr ungesundes Verhalten aufweise. Vor allem dann, wenn ich das Handy nicht weglegen kann, weil ich gerade durch ein Event oder einen Loginbonus eine halbe Stunde oder länger an “gratis Spielzeit” habe, bei der ich kein Leben dazu brauche und innerhalb dieses Zeitrahmens beliebig oft das Level neu starten kann. Und wie ich vom Burnout gelernt habe: Sobald sich etwas nicht mehr nach Spaß und mehr nach einem Muss oder Arbeit anfühlt, ist es höchste Eile, abzubremsen.

Da mein Partner dasselbe gerade mit World of Warcraft hatte und ihm das Spiel durch die vielen Progress Raids so ein bisschen die Freude am Gaming genommen hat, weil es sich zum Ende des aktuellen Addons zu sehr nach Arbeit und viel zu wenig nach Spaß angefühlt hat, ist er im Moment sowieso sehr sensibilisiert, was sowas angeht.

Er hat schon oft kritisch hinterfragt, wenn ich mich zu sehr in ein vermeintliches Hobby reingesteigert habe, ob ich damit eigentlich glücklich bin, wie es gerade abläuft. Vieles davon kommt natürlich auch von meinem Burnout, denn er hat auch schnell den tadelnden Finger gehoben, wenn ich zu viel gearbeitet und zu wenig Freizeit gemacht habe. Aber in diesem Fall hat es tatsächlich erst einmal die Eigenerkenntnis gebraucht, weil ein Suchtverhalten dann doch nochmal was ganz anderes als eine ungesunde Work-Life-Balance ist.

Darüber hinaus bin ich ein großer Verfechter von dem Motto, dass nichts Zeitverschwendung war, solange man Spaß dran hatte. Aber da ist eben wieder dieser Knackpunkt: Hatte ich echt Spaß dran, dass ich zwei Stunden lang irgendwelche Reels auf Instagram durchgescrollt bin, von denen ich vielleicht zwanzig geliked habe und den Rest komplett sinnlos gefunden habe? Ich hab mich schon mehr als einmal dabei ertappt, wie ich mich insgeheim gefragt habe, was zum Geier ich da eigentlich mache. Aber wann immer ich das Handy weggelegt habe und am Fernseher dann gerade eine eher langweilige Szene war, hatte ich das Ding sofort wieder in der Hand. Erst mal nachschauen, ob ich schon wieder Leben in Homescapes habe und wenn nicht, dann ab zu Twitter und Instagram.

Auf Twitter fange ich dann nicht selten unnötige Diskussionen an, bei denen eigentlich von vornherein klar ist, dass ich nur meine Zeit verschwenden werde. Brauch ich ja eigentlich auch nicht in meinem Leben. Keine Sorge, ich rede nicht von Diskussionen mit Mutuals, sondern vielmehr von so Tagen, an denen ich mal bewusst mal unbewusst in ein Wespennest steche und immer mal wieder einen minimalen Shitstorm kassiere, der mich zwar in höchsten Teilen amüsiert, aber trotzdem totale Zeitverschwendung ist.

Ich habe also offensichtlich ein Problem. Ich bin handysüchtig. Was mache ich nun dagegen?

Zunächst einmal habe ich ganz offen das Gespräch zu meinem Partner gesucht und ihm davon erzählt. Er hat die ganze Zeit über schon wissend geschmunzelt, weil ich im Grunde nur wiederholt habe, was er mir schon seit Monaten immer mal wieder gesagt hat. (Hey, aber wenigstens hat er sein Versprechen gehalten, dass er mir nicht sagen würde, er habe es mir gesagt! tumblr_inline_mve45b0RlN1ryhjgc)

Der Grund dafür ist ein ganz einfacher: Er soll wissen, dass ich das Problem erkannt habe und vor allem soll er ja auch wissen, dass ich etwas dagegen tun will. Ich will ja eben nicht handysüchtig sein. Ich will zurück zu einem Level kommen, an dem ich das Gerät dazu nutze, gelegentlich Social Media zu checken und immer mal wieder Fotos mache, die ich eben für Social Media oder meine Blogs brauche. Und mir ist klar, dass dieses “brauchen” für viele Leser dieses Blogeintrags befremdlich wirkt. Aber als jemand, der im Internet selbständig ist, verschwimmt die Grenze zwischen Privatleben und Social Media Leben eben nunmal sehr stark. Teile aus seinem Leben mit anderen zu Teilen ist eine der Grundlagen, auf der mein Business fußt. Oder, um es anders zu formulieren: Als Selbständige im 21. Jahrhundert bin ich in meiner Branche automatisch auch Content Creator.

Dass mein Partner darüber Bescheid weiß ist wichtig, denn er kann mir dazwischenkrätschen und mich unterstützen, wenn ich mal wieder einmal zu oft nach dem Handy greife, obwohl wir gerade dabei sind, etwas komplett anderes zu tun.

Um das zu schaffen, lege ich mein Handy außer Reichweite. Zwar nicht so weit, dass es in einem anderen Raum ist, denn von 0 auf 100 geht einfach nicht, aber zumindest so weit weg, dass ich es nicht einfach im Liegen ergreifen kann und aufstehen müsste, um es zu erreichen. So erschaffe ich eine Situation, die mich sensibilisiert. Denn jedes Mal, wenn ich nach meinem Handy greifen möchte und dafür aufstehen müsste, fällt es mir bewusster auf, dass ich es gerade schon wieder tun würde, als wenn es neben mir liegt und ich nichtmal mehr merke, dass ich das Display aufleuchten lasse, weil es zur unterbewussten Übersprungshandlung geworden ist.

Womöglich werde ich auf Fidget Toys umschwenken müssen, um meine Finger zu beschäftigen. Auch ein Haargummi tut’s erstmal, Hauptsache, ich konzentriere mich bewusster auf das, was gerade am Fernseher läuft. Denn sobald wir was anderes tun, bin ich sowieso beschäftigt genug, um nicht dauernd nach dem Handy zu greifen.

Außerdem habe ich meine Eltern und meine beste Freundin darauf hingewiesen, dass ich vermutlich nicht mehr sofort zurückschreiben oder reagieren werde, denn die sind das bisher immer von mir gewohnt und sollen sich natürlich keine Sorgen machen. (Das ist sehr wichtig!)

Tja und das sind erstmal alle Ziele, die ich mir selbst gesetzt habe. Reicht ja auch fürs erste. Ich gehe nicht davon aus, dass ich feste Handyzeiten brauchen werde, denn die lassen sich erstens eh nicht wirklich umsetzen und wenn ich erstmal die Sache mit den unnützen Dümpeleien am Handy in den Griff gekriegt habe, dürfte die Bildschirmzeit sowieso auf ein gesundes Minimum für meinen Job reduziert sein.

Ich werde aber bestimmt mal das ein oder andere Update auf dem Blog hier schreiben, um zu zeigen, wie weit ich mit meiner persönlichen Challenge bin.

Bis dahin also:

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