Lasst uns doch mal über Reverse Racism nachdenken

Reverse-Racism-Diskussion

Ich bin ja mittlerweile schon bekannt dafür, dass ich mir kein Blatt vor den Mund nehme, ob auf Twitter, Facebook, Instagram, meinem Blog, ganz egal. Mein Blogeintrag darüber, dass ich einfach keine Kinder bekommen möchte und ich es satt habe, mich dafür rechtfertigen zu müssen schlägt so hohe Wellen, dass ich regelmäßig Einladungen zu Interviews erhalte, auf die ich mittlerweile nicht einmal mehr reagiere. In dem Blogartikel ist alles gesagt, was es zu sagen gibt. Und bevor irgendjemand von welcher Show auch immer nun auf die Idee kommt: Spart euch die Mails. Ich nehme mir keine Zeit dazu, denn auch in diesem Blogartikel werde ich wieder alles sagen, was es zum Thema zu sagen gibt.

Es ist ja schon beinahe unterhaltsam, wie man von einer linksradikalen Bubble auf Twitter mithilfe einer verbalen Dampfwalze zunichte gemacht wird (oder zumindest versuchen sie es), nur weil man festhält, dass Rassismus gegen Weiße sehr wohl existiert. Durch nur einen Satz werde ich automatisch zum Rassisten degradiert, ohne dass mich diese Personen kennen, ohne dass sie oftmals den Kontext kennen, aus welchem Grund ich das sage und ohne dass sie überhaupt wissen, was ich für Bewegungen wie #BLM schon alles geleistet habe. In einem Satz: That’s rich.

Genau genommen gibt es solche Reverse Begriffe ja in jeder Hinsicht. Im Sexismus, im Klassismus, eben auch im Rassismus.

Etliche (in der Regel nicht-weiße) Menschen versuchen seit Jahren irgendwelche abstrusen Rechtfertigungen zu finden, warum es in Ordnung sei, einen zum Beispiel „weißen cis Mann“ von vornherein zu unterdrücken, denn Statistiken besagen schließlich XY und das macht ihn von Grund auf gefährlich. Dass es aber überhaupt erst zu schrecklichen Todesfällen kommt, weil in Amerika irgendwelche Statistiken besagen, dass Schwarze mit der höchsten Wahrscheinlichkeit bewaffnet sind und daher die Polizisten oft mal direkt schießen, ungeachtet der Tatsache, ob es tatsächlich rassistisch motiviert ist oder nicht, macht dabei wohl überhaupt nichts. Feuer mit Feuer bekämpfen, am I right?

Ich habe in den letzten Monaten unzählige Diskussionen geführt

Mit Freunden, Bekannten, aber auch mit Leuten, die ich davor noch gar nicht gekannt habe. Was das angeht, ist Twitter ja wirklich eine wunderbare Plattform.

Wirklich greifbare Argumente, die nicht einfach auf ein „ja deshalb eben“ hinauslaufen und mir stattdessen stichfest erklären können, warum ich als weiße Frau Reverse Racism zu dulden habe, hat es dabei aber nie gegeben.

Nehmen wir doch als Beispiel nur mal Emilia Roig, die der Zeit gegenüber in einem Artikel sagt:

Natürlich können marginalisierte Menschen voreingenommen gegenüber dominanten Gruppen sein. […] Es fehlt die Macht, Menschen systemisch zu diskriminieren.

Ich muss ehrlich hysterisch lachen, wenn ich solchen Bullshit lese. Was ist das, angestauter Frust? Kommen solche Menschen eigentlich auf die Idee, dass sie damit Leuten einfach einen Generalverdacht unterstellen, die sich daran gewaltig stoßen?

Mir würde es nie in den Sinn kommen, irgendwelche Menschen ohne jeden Grund zu benachteiligen. Und bevor sich jetzt jemand abmüht, um mich schlecht dastehen zu lassen, ich mach es euch leicht: Impfgegner können mich mal, denn sie nehmen es genauso in Kauf, die Gesellschaft zu gefährden. Aber davon abgesehen? Einen Menschen schlechter zu behandeln wegen Hautfarbe, Herkunft, oder ähnliches? Also bitte. So bin ich nicht erzogen worden, das entspricht in keinster Weise meinen Werten.

Was jedoch meinen Werten entspricht ist die Tatsache, dass man Respekt mit Respekt zu begegnen hat. Wer also der Meinung ist, er könne von vornherein voreingenommen über mich und meine Person sein, nur weil ich durch einen zufälligen Genpool der privilegierten Hälfte der Menschheit angehöre, der kann mich gelinde gesagt einfach mal.

Seitens Emilia Roig heißt es weiter:

Wer zur dominanten Gruppe einer Gesellschaft gehört, lernt nicht, Empathie für jene zu entwickeln, die nicht der Norm angehören: Jungs nicht für Mädchen, weiße Menschen nicht für Schwarze Menschen und People of Color, Menschen ohne Behinderung nicht für Menschen mit Behinderung. Umgekehrt ist das aber der Fall. Deshalb wird das als Lücke beschrieben. Es ist dabei wichtig, Empathie nicht mit Mitleid und Erbarmen zu verwechseln.

Und ehrlich, ich weiß einfach nicht mehr, was ich darauf noch sagen soll.

Auf welcher Basis sie festlegen will, dass privilegierte Menschen keine Empathie, sondern nur Mitleid mit nichtprivilegierten empfinden können, wüsste ich aber ganz gerne. Erinnert mich stark an ableistische Aussagen über Autisten und Empathie.

Mitleid wäre ja, dass ich so (mit)leide, dass ich nicht helfen kann und maximal Mittel bereitstellen kann. Was is dann z.B. mit Menschenrechtlern und Ärzte ohne Grenzen und sowas? Empathie ist auch nicht Mitgefühl, das thematisiert sie (in dem Artikel jedenfalls) gar nicht.

Mitleid dient im Übrigen oft auch dazu, das eigene Seelenwohl zu bessern, indem man „den armen, benachteiligten Leuten“ hilft. Mitleid ist daher oft auch oberflächlich und egoistisch konnotiert. Das ist ein Grund, warum ich Emilias Aussagen auch so problematisch und irgendwo auch beleidigend finde.

Wann ist es so „in“ geworden, eine Sache mit derselben Sache zu bekämpfen?

Männerhassende Frauen missbrauchen zum Beispiel ganz gerne den Feminismus, um ihren Frust auszuleben, weil sie offenbar kein Mensch auch nur mit der Greifzange anfassen möchte. Anstatt dass sie sich mal Gedanken darüber machen, dass es vielleicht an der eigenen Person liegt, wenn man einfach jeden Mann um sich herum scheiße findet. Oder dass man womöglich echt verdammtes Pech hat und die falschen Leute anzieht.

Und bevor mir jetzt jemand damit kommt, dass ich sowas nur sage, weil ich noch nie schlimme Erfahrungen gemacht habe, lasse ich einen Begriff mal einfach so im Raum stehen: #metoo.

Diese „Feuer mit Feuer gekämpfen“ Mentalität schleicht sich in einfach jede Bewegung ein, die eigentlich zum Ziel haben sollte, Differenzen und Unterscheidungen zu beseitigen. Keine Ahnung, wie es dabei helfen soll, eine noch tiefere Kluft zu schlagen.

Instabilität in den eigenen Reihen

Befreundete Personen wurden während den Anfängern der BLM-Bewegung als „nicht schwarz genug“ bezeichnet, weil sie die Plünderungen verwerflich gefunden haben. Same energy, als wenn mir wieder so eine männerhassende lesbische Frau (no joke, wirklich passiert) erzählt, ich wäre gehirngewaschen und könnte keine richtige Feministin sein.

Ich bin solchem Blödsinn einfach so müde und das ist auch der Grund, warum ich mich so entschieden dagegen stelle, dass es angeblich keinen Rassismus gegen Weiße geben soll. Ich erinnere nur an die Griechen, die Barbaren unterdrückt und versklavt haben, einfach so. Oder Menschen im zentraleuropäischen Raum, die an Landesgrenzen wohnen und deshalb „denen von da drüben“ unterstellen, sie wären Gesindel und Autodiebe oder sonst was. Wenn das kein Rassismus ist, was dann?

Rassismus ist nicht ausnahmslos ein strukturelles Gebilde, durch das Schwarze von Weißen unterdrückt werden. Rassismus ist ein ernstzunehmendes Problem, eine Diskriminierung von Rassen. Auf keinen Fall können wir Rassismus bekämpfen, wenn wir eine Witzrunde mit klar nicht-benachteiligten Menschen im Fernsehen über so ein Thema diskutieren lassen. Aber auch können wir auf keinen Fall Rassismus endgültig bekämpfen, wenn wir uns weiterhin in „die und wir“ spalten. Wer das nicht versteht, wird sich von mir sicherlich nicht anderweitig überzeugen lassen, das ist auch mir klar. Aber so jemand darf sich dann nicht wundern, wenn er in seinem Tun nicht vorankommt.

Am Ende zählt nicht, ob es Reverse Racism, struktureller Rassismus oder eine anderweitige Diskriminierung war. Es zählt, dass es eine diskriminierende Handlung ist und dass genau sowas in unserer modernen Gesellschaft längst keinen Platz mehr haben dürfte.

Ich jedenfalls bin der starken Überzeugung, dass man bei der eigenen Person beginnen muss. Und dazu ist nötig, dass man offen auf andere zugeht, ohne sie von vornherein in Schubladen nur nach ihrem Äußeren zu unterteilen. Ich unterscheide darin, wie Menschen mir begegnen, ob respektvoll oder nicht.


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