Autismus/Asperger,  Piece of Life,  realtalk

“ich liebe dich, du warst sicher total beliebt”

Ich wollte schon laaange – wirklich lange – Mal einen Blogeintrag über dieses Thema schreiben. Nur hab ich nie so richtig gewusst, wie ich es angehen soll. Seit Wochen schon; hängt es nun mit selfesteem, oder auch damit zusammen, dass meine Fanfictions derzeit immer mehr Leser erhalten; bekomme ich so viele Nachrichten darüber, wie großartig ich nicht sei und dass mich doch so viele Personen darum beneiden, das zu sein, wozu ich geworden bin – zu einem starken Menschen, der sich nicht darum schert, was andere über einen denken. Oft gehen diese Nachrichten damit einher, dass ich sicher schon zu Schulzeiten beliebt war und… jah.

Fakt ist: nein, war ich nicht. Nie.

Es gab ein einziges Schuljahr in meinem Leben, in dem ich nicht der Außenseiter schlechthin war. Das war zu der Zeit, als ich 1 Jahr in einer EDV-HTL war. Ich denke, es lag hierbei auch bloß daran, dass bei dem Schnitt von gut 30 Schüler nur 5 Mädchen auf die Klasse kamen. Das heißt nicht, dass ich nie Freunde hatte. Die hatte ich definitiv. Sehr gute sogar, die mir die Kraft gegeben haben, dieses Außenseiterdasein in der Schule überhaupt erst meistern zu können und nicht heulend zusammen zu brechen, weil mich mal wieder jemand gehänselt hat, dass ich von Natur aus einen großen Busen hatte. Sind Kinder nicht wunderbar.

Nein, das Problem lag eigentlich ganz wo anders. Nicht bei so alltäglichen kleinen Kinderproblemchen. Die kennt jeder, die muss jeder durchstehen.

6396

2014 hat das Kind, wie man so schön sprichwörtlich sagt, endlich einen Namen bekommen. Ich bin zum Arzt gegangen, weil in meinem unmittelbaren Freundeskreis vermehrt aufgefallen ist, dass ich auf meine ganz eigene Art und Weise sehr speziell bin.

Darunter fallen nicht meine irrwitzigen Neigungen, Wissen anzuhäufen, das meine Freunde nicht im Entferntesten jucken würde. Genauso wenig haben irgendwen meine üblichen Neurosen noch groß gestört, weil ohnehin jeder an sie gewohnt war. Meine Eltern haben stets gesagt, sie wussten schon, als ich noch klein war, dass bei mir irgendwas anders ist – aber wen juckt’s? Sie waren der Meinung, ich wäre einfach meinem Alter voraus und haben sich davon keinesfalls gestört gefühlt. Gott sei Dank, sonst wäre ich nämlich in eine Integrationsklasse gekommen, weil man mich gleich als so jemanden definiert hätte, der mit Altersgenossen nicht klarkommt.

Nö, angefangen hat das alles amüsanter Weise bei einem Trinkgelage. Als alle schon etwas angeheitert waren und plötzlich einer meinte “Babsi, wieso sortierst du eigentlich immer alles?” Alle Blicke lagen damit auf mir. Und das passiert selten, denn ich hab nicht wirklich oft einen guten Spruch auf Lager, wenn es eine größere Party gibt. Ich bin dann eher die ruhige Maus, die sich im Hintergrund hält und lieber zuhört, was die anderen sagen. Eins kam zum anderen und immer mehr Feststellungen kamen, was an mir so anders sei, als an allen anderen. Dinge, die mir bis dahin gar nicht aufgefallen sind; weil wieso auch. War für mich ja nie anders.

Nicht, dass sich jemand daran gestört hat. Aber die Tatsache, dass so viel an mir anders war, hat auch mich langsam beunruhigt. Es könnte ja genauso gut sein, dass ich einen Hirnschaden habe oder sonst was. Also bin ich schließlich zum Arzt. Bin von A nach B geschickt worden, sprichwörtlich von Rom nach Kairo und am Ende bei einem Psychiater gelandet, der alles Mögliche mit mir ausprobiert hat. Rausgekommen ist, dass ich das Asperger-Syndrom habe.

6394

Meine Freunde sind die größten, denn ihre Reaktionen werde ich nie vergessen. Von “Oh gut, dass es nix Schlimmes ist.” bis hin zu “Aha. Aha. Ja und, mir doch egal? Du bist du?” war so ziemlich die gesamte Bandbreite an Liebenswürdigkeit dabei, die mir sofort die Angst genommen hat, jetzt erst Recht schräg von der Seite angeblickt zu werden. Außer, dass wir jetzt also eine offizielle Begründung haben, wieso ich keinen Sarkasmus verstehe und die Leute irre anstarre, wenn sie neben mir zu lachen beginnen, während ich den Witz nicht mitbekommen habe, ändert sich ja auch nichts Großartiges. Oder?

Für mich eigentlich schon. Denn ich weiß jetzt, was die Kids früher an mir so gruselig gefunden haben, dass sie nichts mit mir zu tun haben wollten. Mehr oder weniger zumindest. Mir geht noch immer nicht ein, was so seltsam daran ist, dass ich meine Mittagspausen damit verbringe, Bücher zu lesen, anstatt mir Gespräche über Penislängen zu geben… :”D

  • Keinen richtiger Blickkontakt. Meistens blicke ich die Leute nicht an, wenn ich mit ihnen rede – außer ich bemühe mich extra darum, sie anzusehen, weil es zum Beispiel ältere Personen sind oder auch frühere Chefs, die es als unhöflich von mir missdeuten könnten. Dann allerdings sehe ich sie auch nicht richtig an, sondern starre die Pupillen der Leute an.
  • Motorische Ungeschicktheit. Das ist eines der fiesesten Symptome, da die übermäßige Tollpatschigkeit oft gar nicht als Symptom gedeutet wird. Aber ich schaffe es, bei völlig freiem Weg mit Anlauf gegen den Türrahmen zu knallen. Und das ist nur ein Beispiel.
  • Keine Empathie. Ich kann mich nicht in Personen hineinversetzen, bei denen es sich nicht um von mir geschaffene Charaktere für meine Geschichten handelt. Egal, wie lange ich einen Menschen kenne.
  • Kein oder falsches Deuten der Emotionen. Nach mittlerweile 4 Jahren Beziehung frage ich meinen Freund heute noch, ob er wütend ist, weil ich seinen Gesichtsausdruck nicht richtig interpretieren kann. Und ich frage ihn immer wieder, ob er mich auslacht, wenn er über etwas lacht, das ich nicht als Witz erkannt habe.
  • Sprach- und Sprechauffälligkeiten. Neben der Tatsache, dass ich einen sehr ausgeprägten Wortschatz habe und oft Wörter verwende, auf die keiner käme, tu ich mir extrem leicht damit, neue Sprachen zu lernen.
  • Ausgeprägte, aber sehr spezielle Interessen. Ich sag nur Astronomie, griechische und römische Mythologie, Biologie und teils auch Mikrobiologie. Dazu kommt dann noch weit in alle möglichen Teilbereiche verstreute Wissgier bezüglich diverser Serien-, Comic- und Filmuniversen. Meine Freunde nennen mich zum Scherz manchmal Wikipedia.
  • Alles wird wortwörtlich genommen. Als ich Guardians of the Galaxy mit Diana und meinem Freund im Kino gesehen habe, bin ich bei der Szene “wieso sollte ich ihm mit dem Finger über die Kehle streichen” gleichsam vor Scham und vor lauter Lachen im Kinosessel versunken. So muss ich mich also für alle anderen anhören, dachte ich mir, wenn ich Mal wieder einen Witz für bare Münze nehme und ihn hinterfrage, weil es keinen Sinn ergibt.
  • Kein Verständnis für Sarkasmus.
  • Überempfindlichkeit auf Geräusche, Lichte und Berührungen. Seitdem ich beim Arzt war, weiß ich zum Beispiel, dass das keine Abscheu gegenüber anderen Personen ist, wenn sie mich umarmen oder anderweitig berühren, sondern dass es schlichtweg wehtut, weil meine Nerven sofort überreizt werden. Und trotzdem umarme ich meinen Freund gern. Ich neige wohl zum Masochismus, lol.
  • Entweder ist die kreative oder die praktisch-logische Gehirnhälfte äußerst ausgeprägt. Ich designe Schmuck, schreibe Geschichten und liebe Fotografie. Bin dafür eine Niete in Mathe, Physik und eigentlich allem, was sonst noch mit Zahlen hat. Mein Zahlengedächtnis ist furchtbar; sagt man mir eine zweite Zahl, kann ich mich an die erste schon gar nicht mehr erinnern.

Das sind die Punkte, die mir die meisten Achsoooo-Momente bereitet haben.

Mein Freund hat mir etwas Tolles beigebracht, was die Empathie angeht. Hilft zwar auch nicht immer, weil ich grundsätzlich in vielen Dingen eine andere Denkweise habe, aber manchmal bringt es tatsächlich was. Positives, sehr banales Beispiel: Ich überlege, ungefragt seinen USB Stick zu verwenden. Würde mich das stören, täte er das? Nö, wenn er nicht einfach was löscht, nicht. Na also. Negatives Beispiel: Ich verstehe, kann aber nicht nachvollziehen, wieso sich mein Freund nicht wohl dabei fühlt, wenn ich bei einem Bekannten, der weit weg wohnt, unterkomme, anstatt in einem Hotel zu schlafen. Wenn ich das andersdrum denke, stört es mich auch nicht; ich vertraue ihm ja. Nach einigen Beispielen und dem Satz, dass er mir ja auch vertraut, aber ihm nicht, habe ich dann jedenfalls ein Hotel genommen. Ehm ja. Keine Ahnung, ob euch das gerade so weiterhilft, den Unterschied zu merken… XD”

6395

Als Kind habe ich Tutti Frutti farblich getrennt in Gläser sortiert. Noch heute trenne ich Stifte nach ihren Typen in verschiedenen Köchern, hab eine perfektionistische Anordnung aller Bücher und sortiere beispielsweise Mangas nach Verlag und hierunter auch manchmal alphabetisch. Ich sortiere Gläser exakt aneinander ausgerichtet, verteile Messer, Gabeln, etc im Besteckkorb immer in derselben Ordnung und krieg einen halben Nervenzusammenbruch, wenn mein Freund Mal den Geschirrspüler einräumt, weil er das jedes Mal anders macht. Manus Waschmaschine hat ein äußerst unregelmässiges Blinken, wenn sie fertig ist. Das muss ich jedes Mal anstarren, wenn ich bei ihr bin, manchmal spreche ich das blinken sogar nach und versuche einen Takt zu finden. Seit Monaten allerdings schon vergebens.

Was genau will ich damit nun im Bezug darauf sagen, ob ich beliebt war? Dass ich es nicht war, weil andere Kinder einfach spüren, wenn du anders bist. Dass ich aber auch gelernt habe, dass die richtig guten Freunde – die, die man mit der Lupe im Heuhaufen suchen gehen kann – einen Keks darauf geben, wie du bist. Weil es genau das ist, was dich ausmacht.

Vielleicht will ich damit auch einfach nur andere Leute mit Asperger motivieren, da ich mir anfangs ganz viele Portale dazu durchgelesen habe und immer wieder betont wird, wie wenig solche Menschen zu Freundschaften und Beziehungen fähig sind. Tatsache ist: ja, es ist schwer. Verdammt schwer, muss man sagen. Man fühlt sich oft, als wäre man nicht auf derselben Wellenlänge. Ist oft verwirrt, weil man die zwischenmenschlichen Probleme oft einfach nicht nachvollziehen kann, weil man alles mit einer gewissen Logik verknüpfen will. Aber der Moment, in dem einem klar wird, dass nicht nur die anderen für einen selbst anstrengend sind, sondern man auch umgekehrt eine ganz schöne Nervensäge im Klugscheißermodus sein kann, ist stets ein ganz spannender.

3 Kommentare

  • naddel

    wow, also mich hast du definitiv damit inspiriert. ich selbst bin weder autist, noch hab ich das asperger, das du hier beschreibst. aber mir das so zu lesen, rührt mich ziemlich. man tut sich sehr leicht, sich in dich reinzuversetzen wie fremd für dich die restliche welt wirken muss. und dann ertappt man sich wieder dass man denkt hmh wie ist dann wohl situation xy für sie.

  • allyon

    Ich bin ja eigentlich durch deine Geschichte To Be Honest auf deinem Blog gelandet. Dass du so etwas Persönliches über dich schreibst, finde ich fast schon sehr gewagt. Noch dazu, weil man so schnell in Verruf gerät, wenn man autistisch veranlagt ist. Ich hab schon oft in irgendwelchen Fanforen gelesen, dass die Leute der Meinung sind, Leo hätte dasselbe. Asperger, wie du. Hast du davon auch schonmal gehört? Würd mich interessieren, was du dazu sagst.

    • sunochan

      Gelesen hab ich davon, ja. Es stimmt schon, er weist gewisse Verhaltensmuster auf, die in das Schemata fallen. Das heißt aber nichts. Ich will mir nicht anmaßen, das wirklich zu 100% bejahen oder zu dementieren, das kann niemand über eine Ferndiagnose festestellen. Fakt ist jedenfalls, dass jeder dritte Mensch Verhaltensmuster des Asperger-Schemas aufweist, also mjah…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.