realtalk

“Ich bin übrigens schwul.”

Alternativ zum genannten Einleitungssatz gibt es natürlich noch unzählige andere Optionen. Von Vegetariern, Personen, die sich als Transgender bezeichnen. Feministen, Veganer, politisch speziell angesiedelte Menschen, Borderliner – kurz: Andersdenkende. Leute, die in der allgemeinen Gesellschaft oft auf Kritik oder Unverständnis stoßen und daher anecken.

Ich persönlich frag mich da allerdings, warum das überhaupt so wichtig ist.

Es sind ja nicht nur Einstiegsgespräche beim ersten Kennenlernen, während denen solche Informationen aus den Mündern jener Personen sprudeln. Nein, das ist überall. Selfies werden mit Hashtags markiert, wie #vegan oder #gay, obwohl dabei einfach doch bloß das Gesicht eines hübschen Menschen zu sehen ist.

Instagr.am ist eine Plattform, die von Schnelllebigkeit profitiert. Ich verstehe es bis zu einem gewissen Grad, warum man hier mit Hashtags Informationen von sich preisgibt, um womöglich Gleichgesinnte zu finden. Doch bei einem Selfie? Auf einem richtigen Blog verstehe ich es wirklich, dass man hier gleich in den ersten Absätzen des klassischen About Me Textes preisgibt, wie man denn gesinnt ist. Sofern es einem wichtig ist, dass die Besucher das wissen. Etwa, weil es mit der Orientierung des Blogs zu tun hat und sich Artikel und Inhalte danach richten werden.

Der Grund, weshalb ich dieses Thema anschneide und einen Realtalk daraus machen möchte, ist das Verhalten, das solche Personen oft an den Tag legen. Sie kritisieren die Gesellschaft, dass sie zu Außenseitern gemacht würden, quetschen sich aber mit dieser Art von Sortierung doch eigentlich selbst sofort in eine Schublade.

Wieso sollte es für mich zunächst von Belang sein, etwas über einen anderen Menschen zu wissen, das nichts mit unserem Gespräch zu tun hat? Inwiefern ist es kohärent, dass ich mir mit einem netten Fremden ein gemütliches Bier gönne und dieser sexuell anders orientiert ist, als ich? Oder was hat es damit zu tun, dass ich einen Thriller während der Zugfahrt lese und mein Gegenüber Veganer ist? Alles schon erlebt.

In einem Zug durch Tschechien saß ich mit einem jungen Mann, der mir zunächst unbedingt klassische Musik vorspielen wollte und mit mir dann plötzlich eine Diskussion begann, wie wichtig der Eindruck anderer Personen über einen selbst wäre. Um 3 Uhr nachts. Er hat mir erzählt, dass er zu Hause aufräumt, weil er nicht wollen würde, dass er aus dem Haus geht, stirbt und die Hinterbliebenen ein Chaos vorfinden würden. Was glaubt ihr, dass ich über so eine Person denke? Dass er ein Problem hat. Ein ganz gewaltiges noch dazu. Nicht etwa, weil er mir erzählt hat, was er erzählt hat. Sondern, weil er es erzählt hat. Diese Person trifft auf eine zweite, völlig wildfremde und hält diese Information für relevant genug, um sie zu teilen. Entweder ist derjenige unglaublich einsam, oder er nimmt sich selbst viel wichtiger, als er sollte. Egal, was es ist, beides würde ein Problem darstellen.

Es bringt keinen Nutzen, sich selbst zu kategorisieren und Selbiges dann aber wiederum zu verteufeln.

Menschen benötigen keine Label. Für mich sind Menschen nichts Besonderes. Bloß eine von tausenden Tierrassen auf diesem Planeten. Die einen sind weiblich, die anderen männlich. Manche leider kriminell, andere wiederum einfach nur dumm. Wieder andere halten sich für Besseres, die nächsten suchen verzweifelt Erfüllung in ihrem Leben und so geht es die ganze Zeit weiter. Das ist natürlich nicht zu verwechseln damit, dass ich es großartig finde, wie jeder von uns ein eigenes Individuum ist. Doch steht das in keiner Relation für mich zu dem, wie wichtig es ist, was für eine Kategorie für jemanden passend wäre. Daher die Aussage, dass Menschen nichts Besonderes für mich sind. Ich nehme sie, wie sie sind. Menschlich, sie selbst. Individuell, wie eine Schneeflocke.

Ich respektiere die Einstellung eines jeden Menschen. Leben und leben lassen ist hier die Devise. Doch finde ich es nicht richtig, dass ständig alles einen Namen oder eine Kategorie haben muss. Wir sind, was und wie wir sind.

Natürlich rege ich mich immer wieder auf, wenn eine Menschengruppe offensiv diskriminiert wird. Auf jeden Fall verabscheue ich jede Art von radikalem Sexismus und niemals würde ich ungerechtfertigte Gewalt für gut befinden. So könnte ich diese Liste immer weiterführen. Genauso finde ich es aber auch nicht tolerierbar, dass stets so eine große Unzufriedenheit über das Verhalten unserer Gesellschaft geäußert wird, wenn man zum Teil doch irgendwo auch selbst die Schuld dafür trägt.

Ich kläre Personen über Autismus auf, wenn ich merke, dass sie falsche Annahmen darüber haben. Erwähne es, wenn es denn dazu dienlich ist, meine Sichtweise besser zu erklären. Eröffne diesen Zustand Personen, wenn es für sie relevant wird, da sie mehr mit mir zu tun haben werden. Poste ich einen Selfie auf instagr.am, käme es mir nie in den Sinn, dies dann so breitzutreten.

Wer nicht immer ein Stigma tragen möchte, sollte zunächst aufhören, sich dies selbst zu verpassen und einfach Mal akzeptieren, dass er ist, was er ist. Ein Mensch.

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