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Fehldiagnose: Asperger-Autismus

Mir fällt es nicht leicht, das heute zu schreiben und trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich es euch schlichtweg schuldig bin. Aus diesem Grund komme ich auch gleich zur Sache, denn ich hab einiges dazu zu sagen: Dass ich Asperger-Autismus habe, war eine Fehldiagnose.

Seit 2013 hatte ich die Diagnose und war stets davon ausgegangen, dass ich nun endlich die Erklärung habe, warum ich so anders bin, als so viele Menschen um mich herum. Warum ich die Welt anders wahrnehme und wieso ich manchmal so richtig ausraste. Bis vor etwa eineinhalb Jahren befand ich mich in einer langjährigen Therapie und fand bis heute einfach nicht die Worte, um euch davon zu erzählen. In erster Linie ging es dabei darum, wie ich denn mit meinen Blogeinträgen in der Kategorie Autismus/Asperger umgehen würde. Heute weiß ich: Sie werden einfach bleiben. Denn sie haben so vielen Menschen geholfen und von autistischen Personen habe ich auch stets die Rückmeldung bekommen, dass ich ihnen aus der Seele spreche. Da sie niemandem schaden, belasse ich sie also hier auf dem Blog.

Ich lasse sie auch erstmal unverändert (weil ich ja manchmal von “uns autistischen Personen” schreibe), weil ich im Moment leider nicht so viel Zeit habe, die alle nochmal durchzulesen und sie zu verändern. Keine Ahnung ehrlich gesagt, ob ich das in naher Zukunft mal mache, denn von einem Sommerloch merke ich in meinen Unternehmen derzeit überhaupt nichts. Und irgendwie nutze ich meine Freizeit derzeit auch nur zum Schreiben, also… es wird dauern. Danke für euer Verständnis diesbezüglich. 6

Fakt ist nunmal, dass ich in den letzten Jahren einfach sehr tolle Bekanntschaften und neue Kontakte geknüpft habe, dadurch, dass ich mich natürlich in erster Linie mit anderen autistischen Personen in Verbindung gesetzt habe. Da es sich nicht richtig anfühlt, weiter in entsprechenden Facebookgruppen zu bleiben, werde ich sie verlassen.

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Warum aber eine Fehldiagnose?

Die Frage habe ich mir ziemlich lange gestellt. Ich will auch nicht zu sehr darauf eingehen, denn ich rede einfach nicht gerne darüber. Wie sage ich das also?

In meinem Leben ist eine Zeit lang so viel ziemlich schief gelaufen, dass ich jahrelang psychosoziale Unterstützung brauchte. Ich hatte eine Beziehung, in der Gewalt mit im Spiel war und näher will ich das nicht vertiefen, diese Info muss reichen. Die Folge ist, dass ich seither an einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung leide (kurz unter komplexe PTBS bekannt), was bedeutet, dass mein Trauma chronisch ist und mich mein restliches Leben lang begleiten wird. Was ja auch der ursprüngliche Anlass war, mir professionelle Hilfe zu suchen. Ich kann nicht mit Emotionen umgehen und Wut mündet nicht selten in einen halben Nervenzusammenbruch, was von meiner Seite und aus Sicht eines Außenstehenden einfach einem Meltdown so stark ähnelt, dass man es nur schwer unterscheiden kann. Zumindest in Verbindung mit all den anderen Begleiterscheinungen, die durch die komplexe PTBS auftreten.

Ich nehme die Welt um mich herum als Bedrohung wahr, dazu gehören auch fremde Menschen, was bedeutet, dass ich eine schwere Sozialphobie entwickelt habe. Ich kann also weder gut Blickkontakt halten, noch fremde Leute problemlos ansprechen oder zur Tür gehen, wenn ich niemanden erwarte, den ich gut kenne. Hier auch die erste Auffälligkeit gegenüber Autismus: Blickkontakt mit Menschen, die mir wichtig sind, geht nämlich. Dadurch reagiere ich auf plötzliche Reize meiner Umwelt so, als würde ich regelmäßig von ihr überflutet. Gehörsturz, eine geringere Schmerztoleranz und halbe Panikattacken, wenn mich jemand spontan berührt, gehören da auch dazu. Nachts habe ich Schlafstörungen, komme oft nicht zur Ruhe und suche Beruhigung oft in Fidget Toys. Meinen Traumastress versuche ich abwechselnd mit Kaufsucht oder Binge Eating zu ertränken, wogegen ich gerade massiv arbeite. Und dann sind da noch diese oft unerträglichen Rückenschmerzen, die immer kommen und gehen, wie es ihnen gerade passt, die aber nur von meinem Kopf ausgelöst werden, wenn der Stress zu viel wird.

Ihr seht also das Problem: Es ist Autismus in so vielen Dingen ähnlich, wobei eben die verschiedenen Symptome so individuell wie der Mensch selbst sind. Hinzukommt, dass ironischerweise das Ergebnis von meinem IQ Test und meine soziale Unbeholfenheit, die ich wirklich schon seit Kindertagen habe, richtig blöd ins Schema gepasst haben. Dadurch hat sich der Verdacht auf Autismus auch immer stärker verhärtet, bis eben die Diagnose kam.

Dass es sich um eine Fehldiagnose handelt bei mir, kam mir erstmal in den Sinn, als in meinen näheren Bekanntenkreis eine Person gelangte, die an akuter PTBS zu leiden hatte. All das, was ich bislang dem Autismus zugeschrieben hatte, deckte sich so stark mit meinen Auffälligkeiten und dann kam mir auch wieder in den Sinn, dass in meiner ersten Diagnose stand, Autismus würde ausgeschlossen. Durch Gespräche, die dann auch die Zeit vor den das Trauma auslösenden Erlebnissen betrafen, waren wir uns scheinbar alle nicht mehr ganz so sicher.

Was mir diese Fehldiagnose vermittelt

Autismus lässt sich nicht messen. Aus diesem Grund muss sich ein Arzt auch in erster Linie auf das verlassen, was man ihm vermittelt. Ich traue mich zu behaupten, dass ich bei der langjährigen Therapie ja doch schon ein entsprechendes Vertrauen zu ihm fassen kann und dass ihn keine Schuld trifft, oder er deswegen inkompetent wäre. Allerdings sagt es mir auch, dass die Welt einfach noch so viel über psychische Störungen und Krankheiten zu lernen hat. Außerdem ist es ein echter Mindfuck für mich, dass jemand mit komplexer PTBS zu verstehen scheint, wie sich die Welt für Autisten anfühlen muss.

 

Danke an jeden, der das bis zum Schluss gelesen hat. Ihr seid die besten! <3

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