Autismus/Asperger,  Whow!

19 Dinge, die du über Autismus noch nicht wusstest

Heute ist der letzte Tag im April. Da dieser Monat offiziell als “Autism Awareness Month” gilt, steuere ich auch mit dem heutigen Tag meinen größten Beitrag zum Aufklärungsmonat bei. Wer meinen Blog oft liest, weiß natürlich, dass ich Asperger habe und dadurch Autistin bin. In diesem Beitrag habe ich bereits davon erzählt – heute bin ich natürlich um einiges schlauer geworden und will euch nun ein paar Sachen darüber erzählen, die ihr womöglich noch gar nicht wusstet.

Hört man Autismus, denkt man oft sofort an schreiende Kinder, die sich krampfartig die Hände an die Ohren legen. So etwas ist nicht schön und kommt vor, aber das ist nicht das, was den Autismus hauptsächlich ausmacht. ^^ Es gibt einige sehr große Stärken und ich traue mich sogar zu behaupten, dass meine Beziehung – zu einem neurotypischen Mann – eine höhere Qualität besitzt, als viele Beziehungen von Bekannten und Freunden, wenn ich mich so umhöre, was da eigentlich die Hauptprobleme sind. Wir sind bald 6 Jahre lang zusammen und seit fast 4 Jahren weiß ich nun, dass ich autistisch bin. Nichts, wofür ich mich schäme – wenngleich ich oft kurz sauer werde, wenn jemand mit Vorurteilen um sich wirft. Aber immer wieder sage ich mir, wenn ich höre, wir Autisten hätten was gegen Menschen, dass das einfach nur aus Dummheit und/oder Unwissenheit geschieht. Das macht vieles besser, glaubt mir. Na gut, aber fangen wir langsam an, ihr habt hier noch viel Text vor euch, hehe.

Vergesst die Autisten aus dem Deutschen Fernsehen

Die entsprechen meist nicht dem realen Vorbild und stellen uns oft lächerlicher dar, als wir sind. Solche Charaktere wie in Fack Ju Göthe bringen die Gesellschaft leider dazu, davon auszugehen, dass wir alles Idioten sind, die keine Freunde haben und völlig unzugänglich sind… ^^; Also handhabt das bitte nun so, als würdet ihr eine völlig neue Gruppe von Menschen kennenlernen, dann geht ihr auch schön ohne Vorurteile in das Geschehen rein. 😀

Stimming ist nicht immer Händeflattern

Natürlich kann es das sein – und wenn, dann lasst denjenigen doch einfach. ^^ Mein Equivalent zum Händeflattern ist das Wackeln mit den Zehen. xD Es gibt aber noch ganz andere Möglichkeiten, zu stimmen – was genau ist das denn überhaupt? Als Stimming bezeichnet man eine Selbststimulation. Dadurch wird Stress abgebaut, der durch die ständig vorhandenen Eindrücke auf uns einprallt. Anders, als das Gehirn neurotypischer Personen, bei denen sämtliche Eindrücke priorisiert und dann eingeordnet werden, sind wir dazu nicht in der Lage. Um hier für besseres Verständnis zu sorgen, müssen wir einen Moment ein klein wenig mehr ausholen – aber da der Beitrag ja die Aufklärung zum Ziel hat, ist das nicht tragisch.

Auf dieser Grafik könnt ihr sehen, inwieweit sich unsere Gehirne voneinander unterscheiden.
& diese beschreibt perfekt, inwiefern sich die Wahrnehmung unterscheidet.

Ihr seht also, dass es ganz schön anstrengend für uns sein kann, in einem leeren Raum zu sitzen, wo ihr einfach nur eine Wand seht, weil ihr gerade in die Richtung blickt. Nun stellt euch mal eine Convention vor, wie heftig das dafür dann ist – ich bin stolz auf mich, nicht auszurasten, wenn mich die ganzen Leute umarmen möchten… 😀

Diese Sinneseindrücke sind natürlich allgegenwärtig, sprich wir können sie nicht einfach abstellen. Wenn wir im Raum stehen, nehmen wir unmittelbar den Lichteinfluss, Gerüche, Berührungen und Windzüge sowie visuelle Eindrücke wahr. Und mit Berührungen meine ich nicht nur, wenn wir angefasst werden; es gibt noch die Kleidung, unsere Haare… solche Sachen. All das nehmen wir wahr. Das Gewicht der Kopfhörer, die aber manchmal notwendig sind, um uns abzulenken und uns von anderen Umgebungsgeräuschen abzuschirmen. Wenn ihr jemanden seht, der Kopfhörer aufhat, obwohl er in einer womöglich ganz normalen Umgebung ist, wo es sich zunächst nicht gehört, diese aufzuhaben, dann bedenkt, dass ihr da einen Autisten vor euch haben könnt und zupft nicht einfach daran. 🙂

Berührungen werden oft viel heftiger wahrgenommen

Das ist ein Trait, wie ich die Eigenschaften gerne nenne, der zum Autismus gehören kann, aber nicht bei jedem Autisten vorhanden ist. Ich selbst hab das Problem zum Beispiel, dass ich hypersensibel bin, was das angeht. Da ich das früher nicht wusste, ist das schnell zum Hindernis für Beziehungen geworden – mein Freund stört sich nicht daran, dass ich nicht immer und überall berührt werden möchte und vor allem kann, daher passt das optimal. Auf Conventions gibt es immer dieser Menschen mit Free Hugs Schildern und manchmal sind sie so aufdringlich, dass ich mir kaum zu helfen weiß und dann vermutlich als unhöflich angesehen werde, weil ich einfach hart bleibe und nicht möchte. Genau genommen gibt es nicht viele Personen, die ich auf Conventions umarme – es muss zumindest eine gewisse Sympathie vorhanden sein, sonst schaffe ich das mal grundsätzlich gar nicht.

Berührt man mich unvorhergesehen, also ohne Bescheid zu geben und ohne, dass ich es vorher sehe, tut es weh. Ein Pieksen mit dem Finger ist wie ein Stich mit einem Messer und das ist unangenehm, soweit kann sich das wohl jeder vorstellen. Abends kann es vorkommen, dass ich total fertig vom Tag bin und dann jede noch so kleine Berührung, die beim Kuscheln käme, wehtut. Da ich aber von zuhause aus arbeite, ist das nur wirklich selten der Fall.

Im Übrigen gibt es genau dasselbe auch mit allen anderen Eindrücken, wie zum Beispiel Gerüchen und auch das Gegenteil davon. Aus einer erhöhten Empfindlichkeit wird ein Zustand, der kaum wahrgenommen wird und man muss schon fest zudrücken, bis derjenige überhaupt etwas zu spüren beginnt.

Wir können uns in 99% der Fälle nie kurz halten

Kennt ihr mich gut und habt ihr schonmal eine lange, emotionale Nachricht von mir erhalten, in der ich so ausufere, dass ihr denkt, ich will euch hier die Lüge sondergleichen auftischen, weil ich bis ins kleinste Detail alles beschreibe? Na, dann herzlich willkommen in einem Leben mit Babsi! Lol, nein, Spaß beiseite. So etwas ist wirklich schwierig auseinander zu halten, vor allem, da wir Autisten ja ein Problem mit Augenkontakt haben. Wir können uns meist einfach nicht kurz fassen und erzählen die Vorgeschichte zur Vorgeschichte, um die Geschichte verständlich zu machen, damit man dann die Pointe (die für den Gesprächspartner eigentlich als einziges von Relevanz ist) schließlich erwähnen kann. Es ist schwierig für uns, zu lernen, dass diese ganzen Vorinformationen nicht wichtig sind, um die Information, um die es eigentlich geht, erzählen zu können. Meine armen Freunde, die sich oft 15 Minuten Gelaber geben müssen, um dann den einen springenden Satz zu hören, haha… oh Mann.

Selbst in der Schule ist das übrigens aufgefallen. Wenn es hieß, wir sollen nur das Wichtigste auf der Seite markieren, hab ich vielleicht ein paar unds ausgelassen, sonst war alles durchgehend mit Marker angestrichen. Meine Mitschüler waren auch ganz schön arm dran, als ich mal ein Referat über das Sonnensystem gehalten habe… Muahaha.

Sheldon Cooper ist  k e i n  Autist.

Die Produzenten und auch Jim Parsons, Schauspieler von Sheldon Cooper, haben in mittlerweile mehreren Interviews angegeben, dass sie in keinster Weise beabsichtigt haben, die durchaus amüsante Kultfigur als Autisten darzustellen. Es lässt sich – selbst unter Autisten – darüber streiten, inwieweit er unsereins ähnelt. Meiner Meinung nach kann man weder abstreiten, dass er uns in einigen Dingen ähnlich ist, noch, dass von offizieller Seite die Info gekommen ist, dass er eben keinen Autismus hat.

Es gibt viele Beispiele von Charakteren aus Film [M], Serie [S], Videospiel [V] und Comic [C], die Autisten darstellen und wo dies entweder von offizieller Seite bestätigt ist oder diese Info direkt in der Handlung fällt: [M] Adam Raki (Adam), [M] Alan Wheddon (Dear John), [M] Billy Cranston (2017er Power Rangers), [C] Black Manta (DC Universe), [B] Caitlin Smith (Mockingbird), [M] Christian Wolff (The Accountant), [M] Dana Minor (Exodus Fall), [M] Daniel Connelly (P.S. Ich liebe dich), [V] David Archer (Mass Effect), [V] Dr. Tennenbaum (BioShock 2), [V] Jade (Fahrenheit), [S] JJ Jones (Skins), [S] Jerry Espenson (Boston Legal), [V] Josh Sauchak (Watch Dogs 2), [M] Kazan (Cube), [S] Kevin Blake (Eureka), [C] Legion (X-Men), [M] Max Horovitz (Mary & Max), [S] Mayuko Amemiya (Kimi ga oshiete kureta koto; JP), [C] Mister Fantastic (Fantastic Four), [B] Oscar (The Real Boy), [S] Park Shion (Good Doctor; KR), [V] Patricia Tannis (Borderlands 2), [M] Raymond (Rainman), [M] Rizwan Khan (My Name is Khan; Bollywood), [M] Rosetta Basilio (Under the Piano), [M] Sally Matthews (1993er House of Cards), [V] Satya (Overwatch), [B] Seth Garin (The Regulators), [S] Spencer Reid (Criminal Minds), [S] Sugar Motta (Glee), [M] Terry Marshall (Quantum Apocalypse), [S] Virginia Dixon (Grey’s Anatomy), [S] Wally Stevens (Law & Order Criminal Intent)

Es gab mal vier verschiedene Formen von Autismus

Mittlerweile – bzw. auch eigentlich seit kurzem – gibt es nur noch einen Autismus. Den Autismus eben. Die Unterschiede werden auf dieser Grafik genau erklärt:

Diese Kriterien dienen in einigen Diagnosen als Ausschlussverfahren, um die genaue Autismusform festzumachen.

Das Ding mit den Spezialinteressen

Aus der vorigen Grafik kann man gut ableiten, dass die Spezialinteressen so quasi den Menschen mit Asperger vorenthalten sind. Dem ist nicht so, denn es können auch Autisten aus den anderen drei Bereichen solche entwickeln. Ich schätze, das ist auch einer der Gründe, warum diese Unterteilung abgeschafft worden ist; weil einfach zu viel ineinander verschwimmt und nichts klar differenziert werden kann, bis auf sprachliche und geistige Entwicklung oder ganz hart ausgedrückt die Intelligenz. Naja, dann gibt es eben Autisten mit hohem IQ und welche mit niedrigem, ich kenne keinen Asperger, den es stört, wenn man ihn mit den anderen Autisten vergleicht und umgekehrt auch keinen Autisten, der sich daran stört, mit Aspergern gleichgestellt zu werden. Es ist ja auch dasselbe. xD

Spezialinteressen können große Themengebiete sein, aber auch sehr ungewöhnliche. Im Falle von Mozart, Beethoven und Bach kann man davon ausgehen, dass Musik das Spezialinteresse war. Ja – ihr lest richtig. ^^ Es gibt eine Menge großartige Namen und geniale Köpfe, die heute mit Autismus / Asperger diagnostiziert würden. Zu ihnen zählen die drei eben genannten, als auch Michelangelo, Herman Melville (Autor von Moby Dick), Vincent van Gogh, Andy Warhol, Isaac Newton, Albert Einstein, Arthur Conan Doyle (Autor von Sherlock Holmes), Lewis Carroll (Autor von Alice im Wunderland) Leo Kanner, Hans Asperger himself und selbst Marie Curie. Es wird zum Beispiel auch bei Bill Gates vermutet und Keanue Reeves ist mit ziemlicher Sicherheit ebenso einer. Satoshi Tajiri – Erfinder von Pokémon – ist ebenfalls mit Asperger diagnostiziert. Wer Zeit hat und Lust auf geniale, das eigene Leben bereichende Vorträge, sieht sich mal ein paar Vorträge von Vera Birkenbihl an – ebenfalls Asperger, ruhe sie in Frieden.

Zurück zum Thema. Meine Spezialinteressen sind Biologie, Südkorea und Pokémon. Nebenher bin ich sehr stark auf Wassermelonen fixiert und weiß nicht einmal, wieso. Aber das ist es, was Spezialinteressen ausmacht: wir werden magisch von ihnen angezogen. Es kann aber tatsächlich sehr stark auf einen klitzekleinen Bereich versteift sein, sodass jemand große Zuneigung zum T-Rex verspürt oder Blaumeisen studiert.

Autisten sind unumstritten und nahezu unbrechbar loyal

Um einen Autisten gegen sich aufzubringen, muss man sozusagen schon selbst dafür sorgen, ein Dritter schafft das nicht. Wir haben einen hohen Sinn für Gerechtigkeit, was nicht zuletzt dafür sorgt, dass wir uns an noch so banal wirkende Regeln halten (z.B. nicht bei roter Ampel über den Zebrastreifen zu laufen um 22 Uhr abends, wenn ohnehin kein Auto kommt) und vor allem nichts tun, das diesem widerstrebt.

Wir lügen auch selten. Dass wir das gar nicht können, ist Humbug, es bedarf nur einen wirklich triftigen Grund dazu. Weihnachten zum Beispiel will ich nicht, dass mein Freund weiß, was er bekommt, weil es eine Überraschung sein soll, also wird bei Bedarf gelogen… Mal davon abgesehen; ich bin nicht gut im Lügen, er erkennt das dann sowieso, aber egal. xD Es gibt ein witziges Bild, das im Internet auf diversen Blogs von Autisten kursiert, das aussagt: “Willst du wirklich wissen, ob du in diesem Kleid hässlich aussiehst? Frag jemanden mit Autismus.” Unsere Unfähigkeit, die Notwendigkeit darin zu sehen, jemanden mit einer Information zu belügen, die gar keinen weiteren Sinn hätte, sorgt dafür, dass wir oft als taktlos gelten, wenn man nicht näher über unsere Worte nachdenkt. Ein Beispiel: Was für einen Vorteil hat es für meine beste Freundin, wenn ich ihr sage, dass das dunkelrote T-Shirt zu ihren Haaren passt, wenn das genau gar nicht der Fall ist? Dann zieht sie es ja dauernd an und macht sich so nur selbst zur Witzfigur. Oder welchen Sinn hätte es für mich, wenn ich meinen Freund frage, ob ich (zu) dick in dem Rock aussehe und er mich anlügt? (Ich bin aktuell ja noch am Abnehmen und fettleibig, also dick bin ich ohnehin lol xD) Ich erfrage die Information ja nicht zum Spaß. Aber – tolle Überleitung! – damit kommen wir schon zum nächsten Punkt.

Wir sind  s o w a s  von unkompliziert!

Einer der größten Vorteile in einer Beziehung mit einem Autisten überhaupt. Ich weiß, wovon ich rede! Neurotypische Pärchen haben doch oft diese Probleme, dass sie einander nicht die Wahrheit sagen (können), weil warum auch immer. Oder dass bei einer Frage “Findest du mich zu dick?” ein “It’s a Trap!“-Gedanke aufkommt, weil sich dahinter etwas ganz Anderes verbirgt. Warum tun diese Personen ihrem Partner nicht einen Gefallen und reden einfach Klartext? Das wäre genau das, was viele Beziehungen brauchen. Überlegt mal ehrlich. Wie viel Sinn hat es für die Beziehung, wenn ständig etwas unternommen wird, worauf der Andere keine Lust hat? Wieso muss ständig der Partner zum Klamotten shoppen mitkommen, wenn doch die Freundin eine viel bessere Ratgeberin wäre und er ohnehin keine Lust dazu hat? Und warum fragen solche Leute ihre Partner überhaupt – nun bitte auf die Wörtlichkeit von uns Autisten achten – ob er denn Lust dazu hätte, mit ihr einkaufen zu gehen, wenn ein nein ohnehin nicht erwünscht ist.

Bei uns läuft das so ab: “Hey, Schatz, wir gehen in den Zoo. Lust mitzukommen?” – “Nein, nicht wirklich, sorry.” – “Na gut, dann bis am Abend!” – “Kay, viel Spaß!” – “Danke, dir auch bei whatever!” – glaubt ihr, das oder eher das ständige einander anlügen und anmeckern und zu Dingen zwingen, die man nicht möchte, tut der Beziehung gut? Na? Naa? Kommt ihr drauf?

Ich sage ja nicht, dass man gar nichts miteinander unternehmen soll, aber dann wäre es doch besser, wenn man was tut, das beide möchten. Klar, wir müssen alle mal Dinge tun, auf die wir keinen Bock haben. In mir schreit auch nicht alles “Juhuuu, endlich wieder Wäsche waschen!” aber ich mach es trotzdem, hilft ja nichts. xD

& diese Unkompliziertheit zieht sich übrigens durch den ganzen Alltag, nope, durch das ganze Leben! Mir kann jeder ins Gesicht sagen, was ihn stört und was er an mir kacke findet, ist halt so. Heißt ja nicht, dass ich es deshalb ändere, lol. xD Genauso kann das auch von mir jeder erwarten: Bedingungslose Ehrlichkeit zu jeder Zeit. Das ist eine besondere Form der Wertschätzung, überlegt doch mal. Jemand lügt euch nicht an, weil es ihm viel wert ist, ehrlich zu euch zu sein.

Immer dasselbe und dasselbe und dasselbe und-

Wir… stehen nicht direkt auf Wiederholungen, aber Routinen sind gut für uns. Damit haben wir eine gewisse Ordnung, die uns hilft, den Stress etwas zu vermeiden und etwaige Meltdowns zu verhindern. Das beginnt beim Essen und endet bei der Kleidung. Also abgesehen von Routinen und durchgeplanten Tagen (die ich im Übrigen kaum bis gar nicht habe, weil ich ja von zuhause aus arbeite und einfach aufhören kann, wenn es nicht mehr geht, weil ich mein eigener Chef bin) kann es sein, dass ein Autist seine 5 Lieblingsoberteile und diese zwei Lieblingspyjamahosen hat, die er nonstop trägt. Dabei geht es oft um die Struktur der Kleidung, die einfach angenehm auf der Haut ist – oder vielleicht der Geruch vom Material, der als angenehm wahrgenommen wird. Jeder hat da andere Gründe dazu und auch ich hab so meine Kleidungsstücke von denen ich gleich X Stück daheim habe, die erstmal alle nacheinander angezogen werden, ehe es wieder von vorne losgeht. Ich will gar nicht wissen, wie viele meiner Nachbarn glauben, dass ich tagein, tagaus dasselbe Zeug trage. XD Das begrenzt sich bei mir zum Glück nur auf die erste Schicht Kleidung – ich hab halt dann meine zwei Jeans, die ich je eine Woche lang trage, während die andere gerade gewaschen wird und dann meine 30 Trägertops, die alle bis auf die Farbe identisch sind und dann oben drüber was variierendes getragen wird. So geht’s auch, das hat mir quasi den Hintern im Büroleben gerettet.

Gleich verhält es sich mit dem Essen. Ich könnte 30 Tage lang hintereinander Bibimbap essen, dann vielleicht einmal eine Wurstsemmel und dann geht’s 30 Tage lang weiter mit Bibimbap. Als Kind hab ich oft lieber Butterbrote gegessen, als am Abendessen teilzunehmen. Übrigens einer der Hauptgründe, warum Asperger bei mir erst so spät diagnostiziert worden ist: Meine Eltern haben mich so akzeptiert, wie ich bin. Bis zu einem gewissen Grad macht mein Freund dabei sogar mit, aber hin und wieder wird’s ihm dann doch zu viel. Kein Ding, ich hab ja viele Essen, die ich gern habe. xD

Fotografisches Gedächtnis ist meist nur ein Mythos

Und überhaupt sind diese Inselbegabungen á la Rain Man genau genommen nur eine Seltenheit. Zwar fühle ich mich geehrt, dass meine Schwiegermutter meint, ich könnte anhand des Geräusches hören, wie viele Zahnstocher gerade auf den Tisch gefallen sind, aber das ist eben nur selten der Fall. Was ich dafür kann – und das ist saucool, muaha – ich kann innerhalb weniger Sekunden durchgehen, wie viel Kleingeld auf meiner Hand liegt, ohne dabei die Münzen zählen zu müssen. Ich erkenne das an der Form und kann mir im Vorhinein vorstellen, was da nun auf meiner Hand liegen müsste, damit das Rückgeld stimmt. Jede Option davon. Erspart mir viel Zeit an der Kasse, in der ich das Rückgeld nicht nachzählen muss… xD Das begrenzt sich aber auf Form und Farbe der Münzen; bekämen wir nun spontan neues Geld, würde das wieder eine Zeit lang dauern, bis ich das wieder so kann.

Ich hab ansonsten eine ziemliche Zahlenschwäche und kann mir keine merken, wenn man mir eine zweite nennt. Dafür bin ich linguistisch, also sprachlich, enorm ausgeprägt. Sonst hätte ich nicht, ohne daheim nachzulernen, so gute Noten in Französisch geschafft und könnte nicht ohne Weiteres Koreanisch & Co. lernen oder einfach so viel schreiben. Also eine einzelne Inselbegabung hat offenbar Einstein zum Beispiel gehabt – er hat sich sehr stark auf Physik konzentriert. Ganz einfach, weil ihn nichts Anderes interessiert hat – und das ist das Ausschlaggebende beim Autismus. Wir können. Wollen wir nicht, spielt das trotzdem keine Rolle. Es gibt besonders bei Spezialinteressen und daraus entwachsenden Inselbegabungen kein Gefallen, sondern eine gewisse Besessenheit davon.

Um nun zurück zum fotografischen Gedächtnis zu kommen (Na, seht ihr, wie ich immer ausufere? XD): Es ist sehr selten und genau genommen ist damit ein eidetisches Gedächtnis gemeint. Ich selbst hab so etwas tatsächlich, kann mir also bildlich einprägen, wie der Kühlschrank aussieht, wenn ich einen Blick reinwerfe und kann lückenlos alles Benötigte einkaufen, ohne eine Liste zu brauchen. Das Ganze geht so weit, dass ich mir Erinnerungen in ganzen Filmchen im Kopf abspeichere, was wie ausgesehen hat, als mein Freund PC X zusammengebaut hat und wo er Laufwerk Y hingelegt hat – darum kann ich ihm selbst Wochen und Monate später sagen, wo die Teile sind.

Hinzu kommt, dass Autisten ganz unabhängig vom fotografischen Gedächtnis ein unglaublich gutes Erinnerungsvermögen haben. Ich weiß heute noch, was das für ein Stift gewesen ist, mit dem meine Nachbarin, als ich 8 Jahre alt war, mein Pokémon Poster aus Versehen mit einem dicken Strich versehen hat. (Ich bin daraufhin ausgerastet – heute weiß ich ja, wieso…)

Die bösen Türstöcke, macht sie weg!

Wir haben’s nicht so mit Motorik und mit räumlichem Denken meist erst Recht nicht. Je nachdem, wie hoch der Stresslevel von Umgebung & Co ist, laufen wir umso mehr Gefahr, gleich gegen den nächsten Tisch oder den Türrahmen zu laufen, weil wir das nicht mehr rechtzeitig auf uns zukommen sehen. Ganz fies ebenso: Die Türklinken. Mann, was hab ich blaue Flecken von den fiesen Dingern…

An Tagen, die ganz schlimm sind, kann mir das sogar den letzten Rest geben und dann laufe ich gerade noch gegen eine Türklinke und setze mich eine Sekunde später auf den Boden und fange an zu weinen. Ich bin froh, dass mir das noch nie in der Öffentlichkeit passiert ist, denn schön ist das nicht. Das ist nämlich kein “Mimimi, jetzt will ich weinen”, sondern ein fieser Vorbote zu einem Meltdown – wieder eine so tolle Überleitung, yay!

Ein Meltdown ist  k e i n  Nervenzusammenbruch

Selbst, wenn er wie einer wirkt. Auch hierfür habe ich wieder eine tolle Grafik, die beschreibt, was dabei denn überhaupt passiert und wie sich das genau äußert:

Hier könnt ihr sehen, dass ein Meltdown nicht immer direkte Gewalt bedeutet.

Ein ausgewachsener Meltdown ist so gesehen die letzte Stufe, die wir bei Stress erreichen können. Alternativ gibt es auch einen Shutdown, bei dem die autistische Person völlig hängenbleibt, wie ein PC mit Bluescreen. Kein Mucks, keine Bewegung – hoffentlich atmet derjenige dann überhaupt noch. Ich selbst hab sowas zum Glück nicht, leide aber bei zu viel Stress kurzzeitig an sogenanntem (selektiven) Mutismus, bei dem ich nicht ausdrücken kann, was mein Problem ist. Da kann ich gerade noch den Kopf schütteln, ansonsten verkrampft sich alles in mir und das Reden schmerzt unter Umständen.

Fangen wir von vorne an: Zunächst gibt es eine Reizüberflutung. Sehr simpel, kommt schnell, geht genauso schnell wieder. Man lebt damit, wenn man Autist ist, es hilft ja nichts. Das kann kurze Unruhe sein, es kann aber auch ein unangenehmer Tinitus sein, der schnell wieder verschwindet. Ich hab oft ein Stechen im Ohr, das mich wiederum zum Weinen bringt, weil es so wehtut. Man könnte echt meinen, ich bin ne Heulsuse, dabei eigentlich nicht… xD

Dann gibt es den Overload. Etwas schlimmer, als eine Reizüberflutung – wir werden unruhig, bekommen Herzrasen, zittern womöglich. Es gibt also nicht nur “mir geht es schlecht, ich hab ne Unruhe in mir“, sondern auch wirkliche körperliche Symptome, die sich dann zu zeigen beginnen. In diesem Zustand haben wir mit Stimming & Co. noch die Möglichkeit, uns runterzuholen und zu beruhigen. Bleibt uns dies verwehrt oder ist es einfach zu viel Druck auf einmal, mündet es in einen Meltdown. Diese Stufe ist nicht zu unterschätzen, darum wird sie auch mit dem englischen Wort für die Kernschmelze tituliert.

Die Geräusche in unserem Kopf werden so laut, dass sie uns richtig anschreien. Wir hören nicht mehr richtig, können nicht mehr klar denken, es ist wie ein Aussetzer. Nichts, das wir in diesem Moment tun, ist unsere Intention und für nichts – ich wiederhole, n i c h t s – das wir in diesem Zustand tun, können wir etwas. Manche schlagen sich selbst, schlagen um sich, werfen Dinge durch die Gegend, boxen auf die nächste Wand ein, … es ist nicht immer eine blinde Zerstörwut, aber es wird einfach auf einen Schlag alles entladen, was zu viel ist. Ich verletze zum Glück niemanden, zerstöre dabei aber Dinge. Vor ein paar Jahren war ein Meltdown von mir mal so schlimm, dass ich ein Glas mit Limonade durch den Raum geworfen habe, dabei zwei Spielecontroller draufgegangen sind und ich mein Handy dann auch mit voller Wucht auf den Boden geschmettert habe. Das Display war entsprechend zerschmettert, das könnt ihr euch vorstellen; schaut mal hier, so hat das dann ausgesehen gehabt. 8D

Bin ich erst einmal fertig mit meiner blinden Zerstörungswut, setzt der Heulkrampf ein. In manch glücklichen Situationen passiert die Entladung sehr schnell – ich hab durch meine Therapie schon viel geschafft und kann meine Wut oft gut zügeln, das macht ne Menge wett. Dann geht es direkt zum Heulkrampf über, lol. Das ist übrigens auch eine Form der Entladung, darum hat es nichts mit Emotionen direkt zu tun, denn das sind die Nerven, die hier einsetzen… & wenn ich von einem Heulkrampf spreche, dann mein ich auch wirklich so etwas. Das ist kein normales Weinen, ich klinge dabei wohl, als hätte ich Schluckauf, Husten und Atemprobleme zugleich. Ich leide und das sieht und hört man in dem Moment – das ist sicher nicht schön anzusehen und das sind wohl auch die schlimmsten Momente, wenn mein Freund das miterlebt…

Wie könnt ihr einem Autisten helfen, der gerade einen Meltdown durchlebt? Nehmt Abstand! Zu eurer eigenen Sicherheit. Tritt er aus und trifft euch dabei, ist keinem geholfen. Fasst denjenigen nicht an! Zusätzliche Reize verschlimmern das alles und verstärken den Meltdown unter Umständen nur noch weiter. & am allerwichtigsten ist: Macht der Person im Nachhinein keine Vorwürfe! Wie gesagt, der Autist kann nichts dafür, was da passiert.

Mein Freund macht es immer so, dass er – wenn er zuhause ist und es mitbekommt – in unmittelbarer Nähe bleibt und erst dann eingreift, wenn ich mich böse verletzen würde. Sprich, wenn eine Vase gegen die Wand schmettert und ich dann auch noch in die Scherben schlagen würde, aber das ist nur ein Beispiel, sowas ist noch nie passiert. Er räumt mit mir das Chaos weg, wenn ich eines veranstaltet habe und nimmt mich, wenn nötig, danach in den Arm. Manchmal aber sitze ich danach einfach völlig fertig auf dem Boden und er auf dem Sofa und schaut mich abwartend an, bis ich soweit bin, darüber zu sprechen, was mich überhaupt dazu gebracht hat. Ihr dürft euch das auch nicht so vorstellen, als wäre das täglich. In Stresssituationen kann das der Fall sein. Oder bei psychischen Problemen, Traumaaufarbeitung, etc pp. Müsste ich eine Zahl nennen, hab ich das so etwas ungefähr… hm… einmal alle drei, vier Monate? Das kommt ungefähr hin. Wie gesagt, ich hab’s gut unter Kontrolle…

Meltdowns sind heftig und schlimm. Ich selbst habe nach einem oft nicht einmal die Kraft, einzuschlafen, kann mich aber auch kaum mehr aufrecht am PC-Stuhl oder sonst wo halten. Ich liege dann oft im Bett, an der letzten Ecke, weil ich nicht berührt werden will, brauche kühle Luft und Dunkelheit und möglichst viel Stille. Irgendwann schlafe ich dann ein…

Es ist übrigens so, dass Meltdowns im Erwachsenenalter öfter auftreten können, da die regelmäßige Routine mit fixen Schlafensgehzeiten, Schule (Stundenplan), Pause, Essen, Hausaufgaben, draußen Spielen etc. dafür gesorgt hat, dass wir Beruhigung erfahren. Routinen beruhigen Autisten, das ist eine Tatsache.

Apropos Schlafen – das ist auch nicht so einfach!

Da unser Gehirn so gut wie nie zur Ruhe kommt, unterscheidet sich unser Schlafbedürfnis ein wenig von dem neurotypischer Personen. Ich selbst habe/”brauche” im Durchschnitt nur 6 Stunden Schlaf, kann dafür aber auch tagweise 12 Stunden oder mehr schlafen. Schlafstörungen zu haben gehört zum Autismus, wie ein Meltdown. Das ist leider so. Aber warum eigentlich? Damit man – jeder, auch ihr – schlafen kann, müssen drei Umstände erfüllt sein:

  1. Man ist müde.
  2. Es ist still.
  3. Die Gedanken sind still.

Einer dieser drei Umstände ist bei einem Autisten so gut wie nie erfüllt. Das variiert, aber irgendwas ist immer. Ich selbst kann nicht im Dunkeln schlafen, da krieg ich Angst; Nachtangst und so. Kein Problem, haben wir ein kleines Nachtlicht dafür & gut ist. Dann aber sperrt die Nachbarin, die Krankenschwester von Beruf ist, nachts die Tür auf/zu und geht zur Arbeit. Oder der Hund sieben Häuser weiter bellt – oder ein Tropfen Wasser ist in der Küche gerade ins Abwaschbecken geplumpst. Wir sind unglaublich geräuschempfindlich – eine Eigenschaft, die mein Freund witzigerweise zum größten Teil mit mir teilt, aber er kann es abstellen, ich eben nicht. Wenn mein Freund nach Hause kommt und ich kein Headset aufhabe, höre ich ihn. Noch bevor er reingeht, weil ich das Auto höre, wie es auf den Parkplatz fährt, ohne Witz. Gut, man muss hier erwähnen, dass er kein leises Auto hat, aber dennoch. xD

& wenn es dann mal ruhig ist, dann spinnen die Gedanken weiter und ich gehe Gespräche vom vergangenen Tag durch oder komme um 3 Uhr nachts drauf, dass ich meiner Mutter doch Artikel X über Heilerde zeigen könnte – vielleicht ist das ja interessant für sie und nützt ihr etwas. Das endet übrigens darin, dass ich oft bis spät in die Nacht am PC sitze, wenn ich gar nicht schlafen kann, aber eigentlich total müde bin. Bei einem Kind meint man womöglich noch, dass derjenige einfach wachbleiben will & nicht zugibt, dass die Müdigkeit groß ist. Hier ist aber ein Zustand erreicht, in dem man schlafen will, aber einfach nicht kann – und das nervt tierisch, glaubt mir. Auf Twitter lest ihr von mir oft, dass ich schon wieder nicht schlafen kann. Hin und wieder grundlos, manchmal schnarcht der liebe Herr aber auch einfach so und zwischendurch tappst der gute Kukki unregelmäßig zum sonstigen Takt durch sein Hamsterrad. xD…

Sarkasmus & zwischen den Zeilen lesen – einfach nein!

Wir Autisten verstehen keinen Sarkasmus. Manche erlernen ihn, aber das ist, als ob ein Brite mit einem Amerikaner redet. Es ist einfach nicht die Muttersprache und irgendein Akzent bleibt immer. Genauso verhält es sich mit den Informationen, die neurotypische Personen ganz intuitiv zwischen den Zeilen entnehmen (können) – sowas müsst ihr bei einem Gespräch mit einem Autisten unbedingt… lassen. Ja, naja, ich kann mir vorstellen, dass das nicht so einfach ist, aber das sorgt sonst nur für Streit und Stress, glaubt mir. Es gibt da jemanden in meinem Freundeskreis, der euch ein Lied davon singen kann und das lag daran, dass einfach zu lange nicht bewusst wahrgenommen worden ist, was denn alles zu dem Punkt “Zwischen den Zeilen” gehört. Kurzum: Wir Autisten nehmen alles genau so wörtlich, wie es gesagt/geschrieben wird. Und wir meinen das dann natürlich auch so.

Sage ich also “Oh, die Flasche ist leer!”, meine ich damit auch rein diese Information und kein “Hol neue Limonade.”, denn sonst würde ich das so sagen. Mit einem Bitte natürlich, denn wir sind ja höflich und so. Nein, aber ohne Witz. Es gibt nichts, das ich anstrengender finde, als Leute, die mit mir nicht Klartext reden, obwohl sie schon wissen, dass ich Autist bin. Wenn ich es wem nicht sage und derjenige dann ein Missverständnis mit mir hat, nehm ich ihm das nicht übel. Neurotypische Personen sind nunmal die Norm und hier bin ich in der Unterzahl, solange ich nicht meine ganzen autistischen Freunde zu mir einlade und bei denen an der Haustür klingle – ihr versteht?

Es gab mal einen Moment, in dem ich mit zuvor erwähnter Person geschrieben habe & die mich gefragt hat, wie mein Tag war. “Stressig.”, war meine Antwort und zwei Nachrichten später kam von mir, dass ich gerade nicht schreiben wolle. Die Antwort war, dass man nicht verstünde, wieso ich nun den Stress an ihr ablasse und dass dies unfair sei. …wtf?! Solche Sachen machen eine Freundschaft zwischen Autisten und neurotypischen Personen quasi unmöglich, wenn der Nicht-Autist beginnt, Dinge herauszulesen, die nicht da sind. Frage ich meinen Freund am Esstisch, warum er gerade so komisch geatmet hat, glauben manchmal Leute, dass wir gleich total zu streiten beginnen und die Hölle losbricht. Dann antwortet er einfach nur “ach, mich nervt nur xyz” und alle wirken total verdutzt. Aber das war’s. Ich hab gefragt, er hat geantwortet – will er, dass ich ihm nun etwas dazu sage, gibt er mir die Info. So einfach ist das für uns. Mir ist klar, dass das auf jemanden, der das nicht kennt, unglaublich kompliziert wirken mag, aber es ist ganz im Gegenteil das einfachste, das es überhaupt gibt. Er selbst sagt, dass für ihn keine Beziehung bislang so unkompliziert gewesen ist, wie mit mir.

Das Zwischenmenschliche ist dann doch etwas schwierig

Gut, hier brauchen wir dann natürlich ein wenig Nachhilfe von neurotypischen Freunden. “Ich hab letztens mit Marlene geredet und dann meinte sie xyz.” ist zunächst für uns Autisten erst einmal eine Information. Möchtet ihr, dass wir euch hier unsere Meinung sagen, fragt danach. Wollt ihr, dass wir einfach nur zuhören, sagt das vorhin. Wir wissen sonst nicht, was für eine Reaktion von uns erwartet wird und das ist schwierig.

Meine eigene Mutter dachte jahrelang, dass ich beleidigt bin, wenn sie einen Witz gemacht hat, den ich nicht verstanden hab, weil er von Zynismus und Sarkasmus nur so getrieft hat. Sie ist nunmal jemand mit schwarzem Humor & ich, die das alles wörtlich nimmt, erkennt das nicht. Mittlerweile sagt sie mir, wenn etwas ein Witz war und das macht es einfacher – wenngleich noch immer nicht witziger für mich… XD

Beispiele ummünzen geht meist gar nicht

Ich habe einen IQ, der mich zu einer Hochbegabten macht und dennoch schaffe ich es nicht, Beispiele umzumünzen und erklärten Vorgang auf eine ganz ähnliche Situation zu projizieren. Nein, das muss genau dieselbe Situation noch einmal sein, sonst ist mir das nicht möglich. Grund dafür ist die fehlende kognitive Empathie, über die wir Autisten nicht verfügen. Empathie selbst ist in drei Teilbereiche aufgeteilt:

  • kognitiv
  • emotional
  • mitfühlend

Wir sind emotional und wir sind mitfühlend, aber wir können nicht kognitiv sein. Meine Mutter weint, weil sie traurig ist und ich kann mitweinen, weil sie mir erstens leidtut und ich mit ihr fühle und es mir zweitens emotional wehtut, sie überhaupt weinen zu sehen. Aber wenn ich intuitiv wahrnehmen soll, dass mein Freund gerade wütend ist, weil ihn XY in der Arbeit geärgert hat, kann ich das nicht – das geht nur kognitiv und das fehlt. Der Bereich der Empathie wäre übrigens auch für Sarkasmus und zwischen den Zeilen lesen zuständig. Nur, damit ihr wisst, warum das eigentlich nicht geht.

Sprachlautstärke & -geschwindigkeit

Während es Autisten gibt, die von Vornherein einmal kaum bis gar nicht sprechen und die daher für stumm gehalten werden, gibt es da auch noch solche, wie… mich. Haha. Ich plappere und plappere und infodumpe und plappere und blablabla und das in einer Lautstärke, dass einem die Ohren oft schmerzen könnten und dann auch noch so schnell, dass ich ohnehin alles zwei- oder gleich dreimal sagen muss, bis mich wer versteht, der mich nicht so gut kennt, dass er daran gewöhnt ist. (& selbst mein Freund weiß manchmal nicht, was ich gerade gesagt hab XDD)

Der Clou ist, dass wir das nicht erkennen. Wir merken oft erst, wenn der Hals wehtut, dass wir grad total brüllen & wie schnell oder langsam wir sprechen, ist uns gleich einmal gar nicht bewusst. Es hilft, wenn man darauf einfach angesprochen wird. “Hey, nochmal, langsam bitte!” – Worte, die Gold wert sind. Traut euch einfach, ganz egal, ob das höflich ist oder nicht… es hilft ja nichts.

Infodumping – was ist das nochmal genau?

Das ist… wenn ihr mir mal begegnet und mir eine einzige, falsche Frage stellt, auf die hin ich euch einen dreistündigen Vortrag über Thema X halte, sodass ihr euch einfach nur an Informationen erschlagen fühlt. 😀 Sowas fällt bei einem Vielredner wie mir nicht so ins Gewicht, aber bei den nahezu stummen Autisten ist das dann ein Merkmal, wenn sie mit funkelnden Augen eine Stunde lang darüber sprechen, wieso sich eine Schlange in jener Form über das Wasser bewegt.

 

In diesem Sinne – mit einem Artikel von über 5400 Wörter hab ich euch jetzt ganz heftig geinfodumped, nicht wahr? 😀 Ich bin mir sicher, ihr seid jetzt um einiges schlauer & wisst nun Dinge, die ihr vorher gar nicht dem Autismus zugesprochen hättet. Mir ist wichtig, dass ich damit für etwas Aufklärung sorge und dazu beitrage, dass Leute nicht denken, Autisten wären alles Idioten oder zurückgeblieben oder würden Menschen nicht mögen. Das sind dumme Vorurteile. Natürlich kommt alles das auch mal vor, aber ihr neurotypischen Leute seid ja auch nicht besser. Da gibt es auch jene, die mit wenig Intelligenz gesegnet sind oder die sich besser nicht fortpflanzen sollten. Ein zweiter Autist ist eben auch nicht wie der erste Autist. That’s life. 😛

Wer sich zu diesen Punkten und vielleicht noch ein paar mehr weiterführende Infos holen möchte, kann gern einmal bei einem Freund von mir vorbeischauen. Bernd Martin Rohde und das Bibliothekswissen lautet der Titel von seinem Beitrag, in dem er möglichst viele verschiedene Quellen und Sichtweisen insbesondere über Asperger zusammengetragen hat.

22 Kommentare

  • Allyon

    Ich finde so Vorurteile ehrlich ganz schlimm. Gerade solche Beiträge wie deine sind wichtig & ich finds ja immer sehr spannend, mehr über dich zu erfahren. *-* wusste gar nicht, das es da ein Monat dafür gibt also zur Aufklärung 😮

  • Achli

    Der Schlusssatz! 😀
    Genial, was du da getipselt hast. Danke natürlich dafür, dass du das mit uns teilst. Ich kann mir vorstellen, dass das für deinen Freund nicht so einfach ist. Aber in so nem Fall kann man wenigstens von richtiger Liebe sprechen, wenn es da zu keinen Troubles kommt und er dich nicht so im Stich lässt. ^^

    • sunochan

      Haha ja, musste sein. 😀 Danke für dein Kompliment. X3
      Ja, mein Freund ist ein ganz besonders toller Mensch und ich will ihn niiiiie wieder hergeben. ^__^ <3

  • NNN

    Das mit den Heulkrämpfen liest sich sehr schlimm, du tust mir da richtig leid 🙁

    Schön trotz allem, dass du da so ein gut gelaunter Mensch bist. Aber das hat ja mim Rest nix zu tun xD

  • Buno

    Das die Wahrnemung so anders ist, hab ich gar nie gewusst. Man wird echt viel mit Vorurteilen beladen wen man so Filme schaut :/ werde in Zukunft mehr darauf achten, keine Witze mehr über Autisten zu machen. Is schon bewundernswert, wie ihr dann so im Leben zurechtkommt und mir war wirklich nie bewusst, dass man da nicht automatisch geistig zurückgeblieben is. Tut mir leid für mein Denken 🙁

    • sunochan

      Muss es nicht, ich verstehe das vollkommen. Das is toll von dir, wenn du dich künftig um eine andere Denkweise bemühst ^__^!

  • Kathrin

    Oh ich danke dir wirklich von Herzen! Solch Texte zeigen mir immer wieder auf eine gewisse Art und Weise wie mein Sohn so ist
    Ich würde mir wünschen das Elias irgendwann auch so offen mit dem Autismus umgehen kann, und sich nicht immer verstellen möchte/muss…
    Auch wenn ich oft leide, wenn ich ihn vollkommen überfordert mit der Welt, weinend und so zerbrechlich liegen sehe …
    Lg Kathrin

    • sunochan

      Sehr gerne, dafür ist dieser Monat da! <3
      Was ich durch eigene Erfahrungen sagen kann, ist dass zu Beginn immer das Wissen für den Autisten selbst auch eine große Rolle spielt. Ich hab fast 2 Jahre gebraucht, bis ich all das richtig durchblickt habe und endlich verstanden hab, was genau an mir so anders entgegen meinen Mitmenschen ist. Natürlich sind helfende Hände durch Freunde und Familie immer eine große Stütze! Ich drücke deinem Sohn ganz fest die Daumen, dass er bald offener damit umgehen kann.

      • Kathrin

        Ja, das Selbsteingeständnis dauert manchmal etwas 😉 … Aber er hat noch viel Zeit seinen für sich akzeptablen Weg im Leben zu finden, immerhin ist er erst 10 😉
        Ich werde ihn später aber mal den Text von dir Lesen lassen, damit er deine Sicht der Welt mal lesen kann und vielleicht merkt, “Oh die ist ja wie ich!” …

  • Christiane

    Diese Vorurteile der geringeren Intelligenz oder Unfähigkeit zur Kommunikation funktionieren leider auch andersherum im Denken neurotypischer Menschen. Das führt dann dazu, dass manchmal meinem hochbegabten Asperger-Sohn, der in vertrautem Umfeld mit vertrauten Menschen relativ “normal” agiert, aufgrund seiner Intelligenz oder seines Verhaltens sein Autismus bzw. seine Schwierigkeiten/Grenzen abgesprochen werden, a la “Der ist doch so clever, der muss das doch können.” o.ä.

    • sunochan

      Oje, das ist natürlich nicht schön. :/ Mir fällt dahingehend noch ein weiterer Nachteil ein, der Freundschaften schwierig machen kann; manche meiner Freunde haben leider schwer mit dem eigenen Selbstwertgefühl zu kämpfen, da sie sich laut eigenen Worten einfach dumm neben mir fühlen… Das ärgert mich und macht mich traurig zugleich, da ich ihnen da nicht helfen kann. Keiner von uns legt es darauf an, das herausstechen zu lassen, aber naja Gefühle kann man leider nicht unterdrücken. :/
      Was du beschreibst ist mir jedenfalls sehr bekannt – leider. Ich höre oft, dass mein Asperger doch nicht so schlimm sein könne oder dass ich doch kein Vergleich wäre zu anderen etc. Nur, weil jene Leute von meinem Verhalten darauf schließen und das ist ganz ehrlich nervtötend… >_<; Denn bloß, weil dein Sohn durch seine Intelligenz vermutlich adaptiver mit seiner Umwelt umgehen kann, bedeutet das nicht, dass ihm die im Artikel beschriebene Wahrnehmung deshalb gleich auch leichter fällt... ~_~

  • Emil

    Kommt mir ehrlich gesagt so vor, als würdest du das alles etwas vorschnell als unabänderlich hinstellen. Niemand ist völlig durchschnittlich, jeder hat seine Eigenheiten, an denen man im Laufe des Lebens arbeitet. Ich war mit 20 extrem nerdig im Vergleich zu jetzt mit 40 und habe auch einige Eigenschaften, die hier beschrieben werden. Das wächst sich im Laufe der Zeit zum Teil raus, wie man gern sagt – natürlich ist das in Wirklichkeit ein langer Lernprozess, vielleicht auch eine Änderung der Hirnphysiologie. Die harte Trennung hier zwischen “denen” und “uns” erscheint mir deshalb nicht ganz treffend und ist vielleicht deinem offenbar jungen Alter geschuldet. Die “Normalen” sind eben nicht durchgängig so, wie sie hier dargestellt werden (sind wie alle anderen, Soziales fällt ihnen einfach zu…), sondern die Übergänge sind fließend.

    • sunochan

      Hey Emil & danke für dein Feedback! 🙂 Da das mein Blog ist, hab ich den ganzen Text natürlich in erster Linie auf mich ausgelegt. Ich hab mich dennoch daran versucht, ihn sehr allgemein zu halten. Ehrlich gesagt bist du der erste, der nicht ganz mit meinen Erzählungen konform geht – bislang erhalte ich sehr positive Rückmeldungen von Autisten aller Lebenslagen und Altersklassen. 🙂 Meinem Alter kann man das also nicht unbedingt zuschreiben. 😀 Als unabänderlich möchte ich natürlich absolut nichts darstellen. Steht ja auch nirgendwo, dass jemand dann so bleibt, wie er ist. Nur lässt sich Wahrnehmung nicht entwickeln oder ausblenden. Sowas bleibt natürlich. Man ändert ja auch nicht von einem zum nächsten Tag den Vorgang, wie man Sauerstoff zu sich nimmt oder so ^^;

  • Anika

    Hallo 🙂
    Ich finde deinen Artikel, lang wie er ist, ganz toll und sehr wertvoll! Neben dem Studium arbeite ich einmal in der Woche abends als Kindermädchen für 2 Schwestern. Die jüngere ist 5 Jahre alt und autistisch. Solche Informationen, wie in diesem Blogartikel, sind dabei für mich Gold wert.

    In vielem erkenne ich mich sogar wieder..nicht in allem, aber doch kann ich mich in einiges gut hineinfühlen. Als Kind wurde mir ADS diagnostiziert, vielleicht ist sich das in manchem mit Autismus doch recht nah. Ich kam bisher mit dem Mädchen basierend auf meiner Intuition auch wirklich gut aus. Nach den Eltern wohl sogar ungewöhnlich gut..aber es gibt eben Situationen, in denen ich nicht weiß, wie es ihr gerade geht, warum sie sich so verhält oder nicht verhält usw. Also vielen Dank fürs Schreiben und weit ausholen 😉

    Wobei ich dem Kommentar oben auch zustimmen muss, die Grenzen sind fließend 🙂

    Alles Liebe
    Anika

    • sunochan

      Oh, hallo! Ganz vergessen, zu antworten. 😀
      Freut mich sehr, wenn dir dieser Beitrag dabei weiterhilft. ADS/ADHS und Autismus sind sich tatsächlich sehr ähnlich. Es gibt eine sehr informative Grafik (https://factsaboutklinefelter.files.wordpress.com/2015/02/venndiagramm.png), bei der du sehen kannst, wie viel sich hier von fast allem eigentlich überschneidet. ^_^
      Das mit den Grenzen stimmt natürlich.
      Ich werde aufgrund vermehrter Nachfrage eine Art Ratgeber-Artikel für nicht-autistische Personen schreiben, wie man sich bei Reizüberflutung, Overload, Meltdown & Shutdown verhalten kann bzw. inwieweit man als Außenstehender helfen kann. Wenn du ganz direkte Fragen dahingehend hast, einfach immer mehr damit, dann behandle ich das damit direkt! ^-^

  • Mmim

    Danke! ich hoffe ich kann das nutzen um meine neurotypischen freunde etwas aufzuklären^^ Ich finde das hast du alles echt gut beschrieben!

    • Babsi

      Dankeschön! <3 Freut mich, wenn es dir etwas nützt. Hab auch von neurotypischen Personen schon einige gute Rückmeldungen dazu erhalten. Das sollte deinen Freunden also dabei helfen, dich besser zu verstehen. 😀

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